Alte weiße Männer
Alte weiße Männer (AWM)[1] ist ein Schlagwort, das einen dreifachen Vorwurf enthält: „Alte weiße Männer“ seien Gerontokraten, Rassisten und Sexisten, die die Gleichberechtigung der von ihnen Diskriminierten behinderten.
Begriffsgeschichte
USA
Die Idee, dass es nicht legitim sei, wenn Studierende der Kultur- und der Literaturwissenschaft sich überwiegend mit Werken von „Dwems“ („dead white European males“) beschäftigen sollten, entstand in den 1970er Jahren in den USA. Als Rechtfertigung für diesen Studienschwerpunkt wurde angeführt, dass diese Werke traditionell als Inbegriff „wertvoller“ Kunst, Musik, Literatur usw. gälten. Es wird vermutet, dass auch das Feindbild „lebender, mächtiger weißer Mann“ im Umfeld der „Dwem“-Gegner entstanden ist. Reto U. Schneider weist darauf hin, dass in den USA schon Anfang der 1990er Jahre sich diskriminiert fühlende Junge, Schwarze und Frauen ihr Recht auf Mitbestimmung einforderten.[2]
Im Jahr 1989 brachte die Juristin Kimberlé Crenshaw einen neuen Ansatz in den Menschenrechts-Diskurs in den USA ein. In dem Artikel Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics[3] kritisierte sie die scharfe Trennung verschiedener Formen der Diskriminierung, vor allem in der US-amerikanischen Rechtssprechung zu Fällen von Diskriminierung. Sie plädierte dafür, sich gegenseitig verstärkende Formen von Diskriminierung auch als solche zu behandeln, z. B. die Diskriminierung schwarzer Arbeiterinnen in Fabriken. Hintergrund von Crenshaws Initiative war die Tatsache, dass sie als Juristin einen Prozess gegen General Motors mit der Urteilsbegründung verloren hatte, bei GM gebe es keinen Rassismus, weil die Firma schwarze Männer beschäftige, und keinen Sexismus, weil sie weißen Frauen Arbeit gebe. Der Fall einer Diskriminierung schwarzer Frauen sei im Recht der USA nicht vorgesehen. Crenshaws Artikel bewertete deren Anhängerin Iyola Solanke 2019 als „legendär“, weil mit ihm die Ära des Denkens in Kategorien der Intersektionalität begonnen habe.[4]
Brasilien
Bei seiner Analyse der politischen Verhältnisse in Brasilien 2016 variierte Rafael Cardoso die Attributreihe „alte weiße Männer“, indem er über das brasilianische Parlament schrieb: „Der brasilianische Kongress handelt im Namen eines multi-ethnischen Volkes mit extrem unterschiedlichen Lebensbedingungen und Meinungen. Doch er wird von reichen (weißen) Männern mittleren Alters dominiert, die sich auf einer Linie mit der Agrarindustrie befinden, mit dem Finanzsystem, den Kommunikationsnetzwerken, dem Polizeiapparat, dem Militär und den konservativen Zweigen der Pfingstkirchen.“[5]
Deutscher Sprachraum
Im deutschen Sprachraum kam der Begriff „alte weiße Männer“ ab 2012 auf. In jenem Jahr charakterisierte Ursula von der Leyen als Bundesarbeitsministerin die schwächelnde deutsche Wirtschaft als „old white man“.[6]
In dem Glossar des „Wörterverzeichnisses der Neuen deutschen Medienmacher*innen (NDM)“ ist unter dem Stichwort „Weiße Privilegien“ zu lesen: „Weiße Privilegien sind gesellschaftliche Vorteile, die damit einhergehen, weiß zu sein, allen voran das Privileg, nicht rassistisch diskriminiert zu werden.“[7] Margarete Stokowski griff 2018 den Vorwurf auf, die Phrase „alte weiße Männer“ diskriminiere Männer und Weiße, und stellte die Gegenthese auf: „Männer und Weiße können ungefähr alles auf der Welt haben, aber Diskriminierung können sie nicht haben. Es gibt keinen Rassismus gegen Weiße und keinen Sexismus gegen Männer.“ Sowohl weiße als auch männliche Personen könnten allerdings wegen anderer realer oder zugeschriebener Eigenschaften als ihrem „Weiß-“ bzw. „Männlich-Sein“ diskriminiert werden, z. B. wenn sie schwul oder behindert seien.[8]
Im März 2019 kam das Buch Alte weiße Männer – ein Schlichtungsversuch von Sophie Passmann heraus, das in der Kategorie „Sachbuch“ bis auf Platz 3 der Spiegel-Bestsellerliste vorrückte.[9] In ihrem Buch bezeichnet die Autorin „das Gefühl der Überlegenheit gepaart mit der scheinbar völligen Blindheit für die eigenen Privilegien“ als wesentlichstes Merkmal eines „alten weißen Mannes“. Männer in ihrer zweiten Lebenshälfte, die dieses Merkmal nicht aufweisen, würde sie nicht mit diesem Etikett belegen.[10]
Die Diagnose: „Blindheit für die eigenen Privilegien“ stellte auch Alice Hasters in ihrem ebenfalls 2019 erschienenen Buch Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten.[11] Demnach nähmen in Deutschland nicht nur ältere weiße Männer an, dass es nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland hier keinen nennenswerten Rassismus mehr gebe, da die Angesprochenen selbst noch nicht die Erfahrung gemacht hätten, Opfer persönlicher Übergriffe aufgrund ihrer angeblichen Rasse zu werden. Sie würden stets „normal“ behandelt. Dieses Verhalten kann man mit der Verwunderung vergleichen, die entsteht, wenn ein Weißer in der Formulierung „fleischfarbenes Heftpflaster“ ein Problem sehen soll. Auf „normaler“ Haut ist dieses kaum zu sehen, wohl aber fällt es auf der Haut von Schwarzen sofort auf.[12]
Im September 2022 erweiterte die sozialdemokratische Schweizer Nationalrätin Tamara Funicello die „klassische“ Attributreihe in der Phrase alte weiße Männer um das Attribut reich („alte, reiche, weisse Männer“).[13] Dem Wirken dieser Gruppe schrieb die Nationalrätin in einer „Wutrede“ die Verantwortung dafür zu, dass am 25. September 2022 in der eidgenössischen Volksabstimmung über den Bundesbeschluss über die Zusatzfinanzierung der AHV durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer mit knapper Mehrheit eine Erhöhung des Renteneintrittsalters für Frauen beschlossen wurde.[14] Eine Nachwahlbefragung ergab, dass tatsächlich das Verhalten von Männern, Pensionierten und gut Verdienenden bei dem Abstimmungsergebnis den Ausschlag gegeben habe. Allerdings hatte sich von den im Nationalrat vertretenen Parteien nur die SP für die Ablehnung des obligatorischen Referendums ausgesprochen.
Funicello lässt bei der Anführung der Attributreihe gelegentlich das Attribut „weiß“ weg (im Vergleich zu den USA ist der Anteil Nicht-Weißer an der Menge der Wahl- und Abstimmungsberechtigten in der Schweiz relativ klein). In seiner Feststellung: „Reiche weiße Männer dominieren das Netz“ hingegen verzichtete 2019 Tim Berners-Lee, ein als „Vater des Internets“ geltender britischer Physiker, auf das Attribut „alt“.[15]
In Deutschland gilt sogar die direkte Beschimpfung eines konkreten Mannes mit den Worten: „Sie/du alter weißer Mann“ in der Regel nicht als „Beleidigung“ im Sinn des § 185 Strafgesetzbuchs (StGB), weil mit der Phrase meistens ein bestimmtes von dem Angesprochenen gezeigtes Verhalten kritisiert werden soll. Eine Verurteilung käme nur dann in Frage, wenn die Beschimpfung anlasslos wäre und sich auf die nicht änderbaren, biologisch bedingten Eigenschaften bezöge, die in der Phrase angesprochen werden.[16]
Beispiele für die Begriffsverwendung
Exemplarisch für die Verwendung der Phrase „alte weiße Männer“ ist ein Bericht über die Münchner Sicherheitskonferenz 2022 von Belén Fernandez im Auftrag von Al Jazeera. Das darin abgebildete Foto zeigte Angehörige einer globalen Elite. Zu sehen sind ausschließlich weiße Männer in der zweiten Lebenshälfte. Über diese berichtet die Korrespondentin, sie hätten unisono über die „westlessness“ (d. h. den schwindenden Einfluss des Westens in der Welt) geklagt.[17] Ein vergleichbares Foto als Illustration zu einem „alte weiße Männer“ als Problemgruppe darstellenden Artikel veröffentlichte FAZ.net am 1. September 2020.[18]
Es gibt auch ironisierende Formen des Umgangs mit der Phrase „alter weißer Mann“, z. B. in Form eines Kleidungsstücks, das auch Frauen zum Kauf angeboten wird. Beworben wird die Aufschrift auf der Textilie als „lustiger Spruch“.
Kritik
Oft wird die „schillernde“ Bedeutung des „Wieselworts“ alte weiße Männer kritisiert. Es sei laut Ulrich Reitz so schillernd, „wie die eingeübte Wortkombination ‚sozial gerecht‘ es ist[,] oder das Wieselwort ‚Rassismus‘, das inzwischen so inflationär geworden ist wie die Geldentwertung und sich genauso selbst entwertet hat“.[19] Auf den Vorhalt der Interviewerin Waltraud Schwab, wegen ihres Aussehens werde ihre Interviewpartnerin Emilia Roig in einigen Ländern als „Weiße“, in anderen hingegen als „Schwarze“ wahrgenommen, weist Roig darauf hin, dass dies daran liege, dass Personenbezeichnungen generell auf Konstrukten beruhten. „[U]nsere Identitäten [sind] sozial, historisch und politisch konstruiert […].“ Es seien „eben keine ‚natürlichen‘, biologischen Eigenschaften“. Zudem gebe es im Hinblick auf die Kategorie „Herkunft“ oft innerhalb einer bestimmten Person „widersprüchliche“ Merkmale. So sei z. B. einer der Großväter Roigs ein „nationalistisch und rassistisch agierende[r]“ weißer Mann gewesen.[20]
Der Spiegel veröffentlichte im Juli 2021 die Titelgeschichte Aufstand gegen den alten weißen Mann: Gendersprache, Quoten und Tabus, Identitätspolitik: Fortschritt oder neue Ungerechtigkeit? Die Autoren weisen darauf hin, dass ihrer Ansicht nach eine Bündelung von Kämpfen mit dem Ziel der Antidiskriminierung schwierig sei. So gebe es z. B. im Lager der Feministinnen einen Gegensatz zwischen jüngeren und älteren Kämpferinnen. Junge Feministinnen warfen Alice Schwarzer vor, im Namen der Frauenrechte antimuslimischen Rassismus zu verbreiten; diese kontere mit dem Gegenvorwurf, die Jüngeren seien blind für die Gefahr, die vom politischen Islam ausgehe. Auch kritisierten die Spiegel-Autoren, dass fanatische Kämpfer gegen Diskriminierungen bei an sich wohlwollenden Adressaten ihrer Forderungen oft Reaktanz auslösten, wenn diese zu bestimmten Verhaltensweisen gezwungen werden sollten.
Das Portal Men’s Health beschäftigte sich im Mai 2021 mit der Frage, welche Wirkungen die Floskel „alte weiße Männer“ auf reale Menschen habe, die als männlich, weiß und alt eingeordnet werden. In Deutschland gebe es 10 Millionen Männer der Baby-Boomer-Generation, von denen die allermeisten „weiß“ seien. Diese Menschen seien „die einzige Gruppe, über die folgenlos und ausgiebig Verächtliches, Herabwürdigendes, Verunglimpfendes gesagt werden kann“. Das sei ein Fall von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Dabei seien viele aus der Gruppe Opfer. Die Zahl der psychisch Kranken und der gesellschaftlichen Verlierer und Isolierten steige. Experten schätzten die Zahl der einsamen, psychisch stark belasteten Männer auf mindestens 3 Millionen. Es sei wahr, dass manche ältere Männer „sexistisch, rassistisch, narzisstisch – und was auch immer an negativen Verhaltensweisen denkbar ist –“ seien. „Böse, ekelhaft, sexistisch oder gewalttätig“ sei aber nur eine Minderheit älterer Männer.[21]
Der Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft rügte eine Anzeige, in der sich eine Frau im Bett in Anwesenheit ihres Partners über dessen Erektionsprobleme lustig machte. „Männer herabwürdigende Motive“ dulde er ebenso wenig wie Sexismus gegenüber Frauen.[22]
Literatur
- Sophie Passmann: Alte weiße Männer: Ein Schlichtungsversuch. KiWi-Taschenbuch, Köln 2019, ISBN 978-3-462-05246-6.
- Tobias Becker, Xaver von Cranach, Lisa Duhm, Philipp Oehmke, Jonas Schaible, Eva Thöne: Aufstand gegen den alten weißen Mann: Gendersprache, Quoten und Tabus, Identitätspolitik: Fortschritt oder neue Ungerechtigkeit? In: Der Spiegel. Ausgabe 28/2021. 10. Juli 2021. S. 8–15.
Einzelnachweise
- Gibt es zu viele alte weiße Männer? Abgerufen am 31. Januar 2023.
- Reto U. Schneider: «Alte weisse Männer»: Wie aus einer Beschreibung eine Beschimpfung wurde. nzz.ch, 31. Dezember 2021, abgerufen am 9. Januar 2023.
- Kimberlé Crenshaw: Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics. In: University of Chicago Legal Forum. Vol. 1989, Issue I. Abgerufen am 13. Januar 2023 (englisch).
- Iyola Solanke: Wo sind in Europa die Schwarzen Professorinnen? In: "Reach Everyone on the Planet". Kimberlé Crenshaw und die Intersektionalität. Gunda-Werner-Stiftung in der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Center for Intersectional Justice, S. 45, abgerufen am 13. Januar 2023.
- Rafael Cardoso: Schatten der Vergangenheit: Reiche weiße Männer. sueddeutsche.de, 10. Mai 2016, abgerufen am 15. Januar 2023.
- Reto U. Schneider: «Alte weisse Männer»: Wie aus einer Beschreibung eine Beschimpfung wurde. nzz.ch, 31. Dezember 2021, abgerufen am 9. Januar 2023.
- Weiße Privilegien. Neue deutsche Medienmacher*innen, abgerufen am 13. Januar 2023.
- Margarete Stokowski: Die Krux mit der Diskriminierung Weiße und Männer können alles haben, aber das nicht. spiegel.de, 6. November 2018, abgerufen am 13. Januar 2023.
- Sophie Passmann reüssiert mit Analyse einer spießigen Generation. buchreport.de, 10. März 2021, abgerufen am 10. Januar 2022.
- Sophie Passmann: Alte weiße Männer – ein Schlichtungsversuch. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln März 2019 (Vorwort).
- Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten. Carl Hanser Verlag, Berlin ISBN 978-3-446-26425-0.
- Alexander Joppich: Rassismus im Pflasterformat? aerztezeitung.de, 17. Mai 2019, abgerufen am 12. Januar 2023.
- Daniel Goldstein: Sprachlupe – Alter weisser Mann, es geht noch schlimmer: reich. infosperber.ch, abgerufen am 15. Januar 2023.
- SP rief zum Streik auf – Wütende Frauen demonstrieren in Bern. 20min.ch, 4. Oktober 2022, abgerufen am 15. Januar 2023.
- Reiche weiße Männer dominieren das Netz. wienerzeitung.at, 15. Oktober 2019, abgerufen am 15. Januar 2023.
- Karsten Gulden: „Du alter weißer Mann!“ – Kann das eine strafbare Beleidigung sein? ggr-law.com, 24. März 2022, abgerufen am 23. Januar 2022.
- Belén Fernandez: Business as usual in Munich: White men rule the world. aljazeera.com, 7. März 2022, abgerufen am 9. Januar 2023 (englisch).
- Jörg Thomann: Alt? Ich weiß, Mann – Das Feindbild unserer Zeit: Der „alte weiße Mann“. 1. September 2020, abgerufen am 11. Januar 2023.
- Ulrich Reitz: Beschimpfung von „alten weißen Männern“ beweist linke Beschränktheit. focus.de, 20. Dezember 2022, abgerufen am 11. Januar 2023.
- Waltraud Schwab: „Männer sollten lieber auf Frauen hören, wenn es um Sexismus geht“. Interview mit Emilia Roig. amnesty.de, 22. März 2022, abgerufen am 13. Januar 2023.
- Der alte, weiße Mann – Hassobjekt, Privilegienträger oder einfach nur Mensch?! mens-mental-health.de, 30. Mai 2021, abgerufen am 12. Januar 2023.
- Männerdiskriminierung. werberat.de, abgerufen am 14. Januar 2023.