Barneviertel

Das Barneviertel ist ein Wohngebiet in der niedersächsischen Stadt Wunstorf. Das Stadtviertel wurde auf der Barne, einer „heideartigen Wiesen- und Weidelandschaft“ südöstlich der Kolenfelder Straße und des Düendorfer Wegs, errichtet. Die Barne (so heute vielfach bezeichnet) entstand dort ab 1960 als „Barnestadt“. Sie ist das städteplanerisches Werk des Architekten und Städtebauers Hans Bernhard Reichow und folgt dem Konzept der „organischen Stadtlandschaft“.[1]

Aufbau nach dem Zweiten Weltkrieg

Mit dem Aufbaugesetz des Landes Niedersachsen von 1949 war es geboten, Teile Wunstorfs, später die ganze Stadt zum Aufbaugebiet zu erklären.[2] Wunstorf wurde als künftige Trabantenstadt Hannovers angesehen, man erwartete sich Bundes- und Landesmittel für eine Stadterweiterung. Die großen landwirtschaftlich genutzten Flächen der Barne im Süden Wunstorfs sollten hierfür Raum bieten.

Die Stadt Wunstorf gewann den Stadtplaner Hans Bernhard Reichow für die Aufgabe der Stadterweiterung. Beteiligt war auch sein Partner Fritz Eggeling, bis Kriegsbeginn bereits Mitarbeiter von Reichow am Hochbauamt in Schwerin. Reichow hatte mit seiner Publikation Organische Stadtbaukunst. Von der Großstadt zur Stadtlandschaft von 1948 eine der theoretischen Grundlagen für den Wiederaufbau in Deutschland gelegt.

Barneplatz

Als marktartiger Mittelpunkt des neuen Stadtviertel wurde der Barneplatz geplant. Ein Einkaufszentrum mit kurzen Wegen sollte der Versorgung der vielen Bewohner dienen. Der Komplex beherbergte eine markanten Ladenzeile. Daneben gab es zwei Supermärkte. Von den ursprünglich vertretenen Geschäften ist nur noch eine Apotheke geblieben. Der „Riegel“ am Barneplatz prägt das Gesicht des Viertels jedoch bis heute.[3] An der Südseite des Platzes wurde nach langjähriger Diskussion nicht die geplante Kirche errichtet, sondern 1974–75 ein Gemeindezentrum der Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Johannes, das auch die Funktion eines Gottesdiensthauses erfüllte. „Die Johanneskirche“ wurde 2012 entwidmet und 2014 abgerissen. Daneben entstand 2014–15 ein neues Diakonie- und Gemeindezentrum.[4]

Straßenstruktur und Verkehr: Die autogerechte Stadt

In der Barne konnte Reichow sein Konzept von der autogerechten Stadt umsetzen. Jedoch war „die starke Fokussierung auf den zunehmenden Straßenverkehr […] kein Selbstzweck, das Ziel war vielmehr die Schaffung idealer Lebensverhältnisse für die Bewohner.“[5] Der Autoverkehr sollte organisch fließen, um Lärm, Unfallgefahren etc. zu verringern An Stelle von Straßenkreuzungen mit unfallträchtigen Spurüberschneidungen gibt es sogenannte Straßeneinfädelungen mit dem Krümmungsradius einer sanft einschwingenden Kurve. Nebenstraßen und Hauptverkehrsader sind an der unterschiedlichen Straßenbreite erkennbar.[6]

Wohnen und Lernen

Bauträger waren der Bauverein und die Niedersächsische Heimstätte mit zunächst je 85 Wohneinheiten und die Bau-Treuhand mit 30 Wohneinheiten. In 15-jähriger Bauzeit wurde der neue Stadtteil mit seiner nach Süden hin fächerförmigen Anlage geschaffen. Dabei wird auch von manchen Missstimmungen zwischen Reichow und den Verwaltungs- und Baubehörden und sowie heftigen Diskussionen um die geplanten Hochhäuser berichtet.[7] Der neu geschaffene Wohnraum für Tausende von Neubürgern musste um die notwendige Bildungsinfrastruktur ergänzt werden. Die Albert-Schweitzer-Schule (Grundschule) und die Otto-Hahn-Schule (Haupt- und Realschule) wurden errichtet.

Neugestaltung des Barneplatzes

Der Planungsprozess für die Neugestaltung des Barneplatzes wurde im Mai 2016 begonnen. Begleitet wurde er durch eine zweistufige „Öffentlichkeitsbeteiligung“ mit der Gelegenheit, für mehrere Planungsbereiche zwei Varianten zu bewerten.

Im Juni 2020 hatte der Ortsrat Wunstorf den Vorschlag der Verwaltung für den Ausbau gebilligt.[8] Die Maßnahme soll in vier Bauabschnitten mit bezifferten Kosten von 2,45 Mio. € realisiert werden. Der in Aussicht genommene Zeitrahmen der gesamten Baumaßnahme bis 2023/2024 war bereits zu Beginn der Arbeiten (Bauabschnitt 1a; Parkplatz An der Johanniskirche) im August 2021 deutlich im Verzug. Am 1. November 2022 wurden die Arbeiten am eigentlichen Barneplatz (Bauabschnitt 1b; Barneplatz bis an die Barnestraße) begonnen. Diese sollen bis Ende Juni 2023 beendet sein.[9]

Literatur

  • Daniel Schneider: Die Barne. Eine Trabantenstadt für Wunstorf. In: Wunstorfer Auepost, März 2020, S. 24–34. Online
  • Daniel Schneider: Barneplatz soll zum „Shared Space“ werden. In: Wunstorfer Auepost, November 2019. Online
  • Daniel Schneider: Umbau des Barneplatzes beginnt. In: Wunstorfer Auepost, 22. Oktober 2022. Online
  • Klaus Fesche: Geschichte Wunstorfs. Die Stadt, der Flecken und die Dörfer. zu Klampen Verlag, Springe 2010.
  • Heiner Wittrock: Wunstorf in alten Bildern – Zwischen Währungs- und Gebietsreform (1949–1974). Wunstorf 2011, S. 35–37.

Einzelnachweise

  1. Daniel Schneider: Eine Trabantenstadt für Wunstorf. Wunstorfer Auepost, 28. Dezember 2020, abgerufen am 25. Januar 2022.
  2. Aufbaugebiet In: JuraMagazin
  3. Daniel Schneider: Die Barne: Eine Trabantenstadt für Wunstorf. Wunstorfer Auepost, 28. Dezember 2020, abgerufen am 19. Januar 2022.
  4. Klaus Fesche, Geschichte Wunstorfs, S. 264
  5. Schneider, Trabantenstadt.
  6. Ohne Kreuzungen. Der Spiegel, 1. Januar 1957, abgerufen am 25. Januar 2022.
  7. Fesche, Geschichte Wunstorfs, S. 264
  8. Ausbau des Barneplatzes, Beschluss des Ortsrats Wunstorf vom 9. Juli 2020
  9. Daniel Schneider: Umbau des Barneplatzes beginnt. Wunstorfer Auepost, 22. Oktober 2022, abgerufen am 22. Oktober 2022.

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