Chodorkowski (Oper)

Chodorkowski[1] ist ein Bühnenwerk des griechischstämmigen Komponisten Periklis Liakakis und der österreichischen Librettistin Kristine Tornquist aus dem Jahr 2015 in Zusammenarbeit mit dem sirene Operntheater Wien. Das Libretto von Kristine Tornquist umfasst nicht nur das Drama zwischen dem russischen Oligarchen Michail Chodorkowski und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, sondern auch die komplexeren historischen Hintergründe von 1989 bis 2013. Die Autorin möchte dabei nicht zuerst historisch korrekt sein, sondern wollte „ausgehend von realen Personen eine Parabel auf die Beziehung von Demokratie, Geld und Macht schreiben und dafür Zusammenhänge und Charaktere zuspitzen, umdeuten und vereinfachen.“[2]

Operndaten
Titel: Chodorkowski

Szenenbild

Form: Kammeroper
Originalsprache: Deutsch
Musik: Periklis Liakakis
Libretto: Kristine Tornquist
Uraufführung: 20. November 2015
Ort der Uraufführung: Wien, sirene Operntheater im Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste (Semperdepot)
Spieldauer: ca. 2 Stunden
Ort und Zeit der Handlung: Moskau, verschiedene Orte in Russland, um 1989 bis 2013
Personen

Handlung

Nach der Wende ist plötzlich alles anders. Der junge Wladimir Wladimirowitsch Putin verliert in den Wirren der Politik seinen sicheren Job als Offizier beim KGB.

Sein Kollege Setschin rät ihm, sich in der Politik zu versuchen.

Der Technikstudent Michail Borissowitsch Chodorkowski wiederum beschließt, sein Glück in der Wirtschaft zu machen, er gründet eine Bank und kauft bald darauf JUKOS, einen großen Erdölkonzern.

Beide Männer landen erste Erfolge, während Russland in ein beispielloses Chaos taumelt, unter dem einfache Bürger wie Iwan und Natascha zu leiden haben. Denn die Versprechungen der Perestroika halten nicht.

Präsident Jelzin versteht nichts von Wirtschaft und verschleudert Russlands Industrie und Bodenschätze an Glücksritter wie Chodorkowski, während der Rubel immer mehr an Wert verliert und die Bürger hungern.

Als Jelzin und sein Sekretär Putin fürchten müssen, in der Wahl gegen die Kommunisten zu verlieren, unterstützen die Oligarchen – Chodorkowski voran – den schmutzigen Wahlkampf und sichern damit Jelzins Wiederwahl, damit sie ihre Konzerne nicht wieder verlieren.

Das Volk erlebt seine politische Ohnmacht zwischen Desinformation und Betrug. Iwan hat seine Arbeit verloren, Natascha ist verzweifelt, weil sie keine Perspektive sieht.

Aber Putin hat aus dieser Erfahrung gelernt und beschließt, die Macht des Geldes der Politik gegenüber zu beschneiden, als er Jelzins Macht erbt und Präsident wird.

Auch Chodorkowski hat aus dieser Krise gelernt. Er will sich international verankern, um sich von der politischen Einmischung in seine Geschäfte und Erpressung unabhängig zu machen. Denn die Begehrlichkeiten der Politiker sind groß und unberechenbar.

Der Bürgermeister, der Chodorkowskis Ölfirma Schwierigkeiten machte, wird tot aufgefunden – gerade an Chodorkowskis Geburtstag. Ein Geburtstagsgeschenk eines Mitarbeiters? Chodorkowski will nichts damit zu tun haben, er sucht nach einem sauberen Image und plant, aus dem operativen Geschäft auszusteigen.

Auf einem Bankett im Kreml kommt es zum Eklat. Putin will die Oligarchen in ihre Schranken weisen, Chodorkowski lehnt sich offen auf und wirft der Regierung Korruption vor. Putin ist wütend, Setschin verspricht, das Problem zu lösen. Kurz darauf wird Chodorkowski verhaftet.

Im Gefängnis trifft er Iwan wieder, der wegen eines Betrugsdeliktes verhaftet wurde, dem die korrupte Polizei aber gleich noch andere Delikte dazugedichtet haben. Er bringt sich um.

Chodorkowski begreift die Zusammenhänge und macht sich Gedanken über eine andere Gesellschaft.

Ein Königsdrama

Das Libretto von Kristine Tornquist beleuchtet nicht nur das Königsdrama zwischen Michail Chodorkowski und der von Wladimir Putin verfolgten Politik, sondern auch die historischen Hintergründe von 1989 bis 2013.

Denn mit der sich wandelnden Beziehung zwischen Wirtschaft und Staat verschob sich im Lauf der Zeit auch die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten, die zu Beginn einander nicht so unähnlich waren – zwei junge ehrgeizige Männer mit großen Plänen.

Die Zusammenhänge der geschichtlichen Auf- und Umbrüche verflechten sich mit finanzpolitischen Fehlern und machtpolitischen Intrigen zu einem Treibhaus der Extreme, in dem Aufsteiger gut gedeihen.

Das Libretto wurde 2013 geschrieben, noch bevor Chodorkowski Dezember 2013 anlässlich der PR-Offensive zu den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi aus seiner 10-jährigen Haft überraschend freigelassen wurde.

Als offenes Ende steht die Hoffnung und das Versprechen, das Chodorkowski im Gefängnis gegeben hat. Spielball der großen Kräften sind – wie immer – die kleinen Leute.

Was hier erst als Buffopaar für lakonischen Witz sorgt, stürzt zuletzt in die Tragödie – denn im Gegensatz zu den Großen, die fallen und steigen und dabei doch nie ihre Bedeutung verlieren, leiden die sogenannten kleinen Leute unbemerkt, unbetrauert, umsonst.

Michail Borissowitsch Chodorkowski

Wurde 1963 geboren. Er lernt und entwickelt sich aus dem Vakuum der Wende über den Umweg des Raubtierkapitalismus zum Manager nach westlichem Modell bis zum Visionär russischer Sozialdemokratie, vom Abenteurer zum Idealisten.

Im rechtsfreien Raum nach der Wende 1989 gründete er erst die Bank Menatep und erwarb unter Beihilfe der Regierung Boris Jelzins den maroden Mineralölkonzern JUKOS, den er schnell konsolidierte.

Nachdem er damit die Rubelkrise 1998 durchtaucht hat und mit seinem Konzern an die Grenzen des in Russland Möglichen stößt, beginnt er, JUKOS reif für den internationalen Markt zu machen und fädelt internationale strategische Partnerschaften (unter anderem mit Exxon) ein.

Vor seiner Verhaftung 2003 ist er der reichste Russe, der reichste Mann der Welt unter 40, sein Vermögen wird auf 15 Milliarden Dollar geschätzt.

Doch Geld interessiert ihn nicht mehr. Er versucht, JUKOS mit Roman Abramowitschs Sibneft zu fusionieren und sich aus dem operativen Geschäft zurückzuziehen, er träumt vom starken, aber transparenten Staat mit klarer Rechtsgebung, Gerichtsbarkeit und Sozialleistungen, und gründet die Wohltätigkeitsorganisation „Offenes Russland“.

Dabei kollidiert er mit der korrupten und bewusst rechtsunsicheren Staatsmacht und den restaurativen autoritären Ambitionen Putins. Die Fusion wird vom Staat verhindert, er wird verhaftet und in politischen Schauprozessen zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt.

Aus dem Gefängnis heraus entwickelt er weiter seine politischen Ideen für Russland. Er sammelt Tage- und Notizbücher.

Wladimir Wladimirowitsch Putin

Geboren 1952 in Sankt Petersburg. Er bleibt auch nach der Wende der KGB-Welt verhaftet.

Er wird vom todkranken Jelzin als russischer Präsident installiert und hält diese Funktion seither fest, wenn er auch aus Verfassungsgründen eine Legislaturperiode mit seinem vertrauten Dmitri Medwedew auf den Ministerpräsidentposten tauscht.

Obwohl er sich nach der Wende antikommunistisch gibt, steht er doch für Bewahrung sowjetischer Strukturen und für hermetische Macht.

Er fürchtet den zunehmenden Einfluss und die politische Ambitionen der Oligarchen und Privatunternehmer.

Er fürchtet auch den transparenten Staat, der die staatliche Schattenwirtschaft stören würde und seine absolutistische Macht mindern.

Sein politisches Überleben hängt davon ab, wie er die beiden Machtblöcke – den liberalen und den konservativen – in der Duma in Balance halten kann.

Putin zeigt sich gern als harter, autoritärer Macho. In seiner Freizeit betreibt er Kampfsportarten und geht auf die Jagd.

Putins Vermögen wird auf 12 bis 40 Milliarden Dollar geschätzt.

Gliederung

Uraufführung durch das sirene Operntheater 2015
  • 1. Ouvertüre
  • 2. Perestroika
  • 3. Karriere
  • 4. Krise
  • 5. Macht
  • 6. Intrigen
  • 7. Gefangenschaft

Die Musik

Uraufführung durch das sirene Operntheater 2015

Komponist Periklis Liakakis schrieb:

„Es ist eine politische Oper, in der die Protagonisten echte Menschen sind, und natürlich hat mich das dazu gebracht, mit dem Schreiben einer Oper zu beginnen.
Aber was mich dazu brachte, mein Bestes zu geben, war die Erkenntnis, dass die Geschichten und Schicksale des einfachen Volkes, das Zuschauer der Machtkämpfe ist, sehr ähnlich sind, sowohl in Russland wie auch im Griechenland der Krise und des Zusammenbruchs.
Die Oper versucht nicht, sich auf die Seite von irgendjemandem zu stellen. Ich glaube, dass es in der modernen Oper keine guten oder schlechten Figuren geben sollte, nur Fakten und Reaktionen darauf.
Heiligsprechungen oder Dämonisierungen von Personen wurden vermieden, soweit dies dramatisch möglich war, und mein Hauptanliegen war, dass diese Oper von einem Russen genauso verstanden werden könnte wie von einem Österreicher oder Griechen.“[3]

Werkgeschichte

Uraufführung durch das sirene Operntheater 2015
Uraufführung durch das sirene Operntheater 2015

Der Uraufführung[4] fand am 20. November 2015 im Atelierhaus der Bildenden Künste (Semper-Depot) in Wien statt.

In einer Koproduktion des sirene Operntheaters mit Wien Modern folgten dort weitere fünf Vorstellungen in der Uraufführungsreihe. Die musikalische Leitung übernahm Komponist Periklis Liakakis im Wechsel mit Studienleiterin Petra Giacalone, Regie führte Kristine Tornquist. Michail Chodorkowski gratulierte zur Uraufführung.

2017 wurde dem sirene Operntheater für diese Produktion in der Wiener Volksoper der Österreichische Musiktheaterpreis verliehen.[5]

Bis zum Beginn des Lockdowns im Februar 2020 spielte Chodorkowski an der Griechischen Staatsoper in einer Koproduktion des sirene Operntheaters mit der Greek National Opera und dem Ensemble ANAX unter Leitung von Jury Everhartz.

Sängerinnen und Sänger der Uraufführung

Leading Team

  • Kristine Tornquist (Regie)
  • Andrea Költringer (Ausstattung und Bühne)
  • Bärbel Strehlau (Choreographie)
  • Markus Kuscher (Kostüm)
  • Edgar Aichinger (Licht und Technik)
  • Anna Dreo, Csilla Domjan, Isabella Gajcic (Maske)
  • Jury Everhartz (Produktionsleitung)
Commons: Chodorkowski – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Homepage von Mikhail Chodorkowski
  2. Vorsatz im Libretto
  3. Homepage sirene Operntheater
  4. Werkinformationen des sirene Operntheaters, abgerufen am 11. September 2022.
  5. Homepage sirene Operntheater
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