Priestergemeinschaft Sankt Martin

Die Priestergemeinschaft Sankt Martin (frz. Communauté Saint-Martin) ist eine Gemeinschaft von Weltpriestern und Diakonen, die gemeinsam leben und die ihnen von den Bistümern übertragenen Aufgaben erfüllen. Die Gemeinschaft besteht hauptsächlich aus Lokalgemeinschaften von 3 bis 6 Mitgliedern, die in Hauptsache in Pfarreien, Internaten und Wallfahrtsorten tätig sind.

Seminaristen der Gemeinschaft Sankt Martin beim Stundengebet im Mutterhaus der Gemeinschaft in Évron.

Sie wurde 1976 von Jean-François Guérin, einem Priester der Erzdiözese Tours (Frankreich), gegründet. Das Mutterhaus der Gemeinschaft, zusammen mit ihrem Priesterseminar, befindet sich in Évron, in Westfrankreich. Dort residiert auch der Generalmoderator der Gemeinschaft, ein Priester, der alle sechs Jahre von den Mitgliedern gewählt wird. Zurzeit wird das Amt von Abbé Paul Préaux ausgeübt.

Die Gemeinschaft zählt fast 170 Priester und Diakone, die in 30 Bistümern weltweit tätig sind. Im Priesterseminar befinden sich mehr als 100 Seminaristen in der Ausbildung (Stand 2021). Die Gemeinschaft Sankt Martin ist ein Institut päpstlichen Rechts.

Geschichte

Der Gründer der Gemeinschaft, Jean-François Guérin (rechts) mit Kardinal Siri, Erzbischof von Genua (1986)

Gründung in Italien

Der Gründer der Gemeinschaft Sankt Martin, Jean-Francois Guérin (1929–2005), war Priester des französischen Erzbistums Tours und wurde 1955 zum Priester geweiht. Er war zunächst Domvikar an der Kathedrale von Tours, anschließend Seelsorger für städtische Schulen und von 1965 bis 1976 in Paris tätig. Als Kaplan in der Basilika Sacré-Cœur war er geistlicher Begleiter zahlreicher Jugendlicher. Viele von ihnen traten später in Ordensgemeinschaften ein, vor allem bei Benediktinern und den Unbeschuhten Karmelitinnen, andere wurden Weltpriester, aber wollten dabei gemeinschaftlich leben und den liturgischen Geist pflegen, den sie bei Abbé Guérin kennengelernt hatten. Dieser war sowohl von der lateinisch-gregorianischen Tradition des römischen Ritus als auch von der liturgischen Bewegung geprägt.

Da der damalige Erzbischof von Genua Giuseppe Kardinal Siri die Erneuerung der priesterlichen Ausbildung in Frankreich unterstützen wollte, lud er 1976 Jean-François Guérin und erste Priesteramtskandidaten in die Erzdiözese Genua ein. So wurde die Gemeinschaft Sankt Martin als Gemeinschaft bischöflichen Rechts unter der Verantwortung von Kardinal Siri gegründet. Abbé Guérin und die Priesteramtskandidaten ließen sich im Kapuzinerkloster Genua-Voltri nieder. Die akademische Ausbildung erhielten die Seminaristen im Priesterseminar von Genua, während Abbé Guérin für ihre geistliche und pastorale Ausbildung verantwortlich war.

Umzug nach Frankreich

Basilika der Abtei von Évron, Département Mayenne (2016)

1983 wurde der Gemeinschaft Sankt Martin das erste Apostolat in der Diözese Fréjus-Toulon in Südostfrankreich übertragen. In den folgenden Jahren übernahmen sie weitere Pfarreien in Frankreich. 1993 bot sich die Gelegenheit, Italien zu verlassen und das Ausbildungszentrum in das französische Dorf Candé-sur-Beuvron bei Blois (ca. 190 km südlich von Paris) zu verlegen. 2014 siedelte das Ausbildungs- und Mutterhaus nach Évron in ein ehemaliges Benediktinerstift über.

Der Generalmoderator der Gemeinschaft Sankt Martin ist Abbé Paul Préaux. Er wurde am 19. April 2022 zum dritten Mal in das Amt gewählt und von der Kleruskongregation bestätigt.[1] Abbé Préaux leitet die Gemeinschaft seit 2010. Er war zuvor Leiter des Wallfahrtsortes Montligeon.

Rechtliche Stellung der Gemeinschaft

Im Jahr 2000 erhielt die Gemeinschaft die päpstliche Anerkennung.[2] 2022 zählte die Gemeinschaft Sankt Martin etwa 168 Priester und Diakone und 100 Kandidaten für den Diakonat bzw. das Priestertum.[3]

Ausbreitung

Die Gemeinschaft Sankt Martin betreut Pfarreien und Apostolate in und außerhalb von Frankreich. Die Priester sind in der Pfarrseelsorge sowie in der Internats- und Schulseelsorge, an Wallfahrtsorten und in Altenheimen tätig.[4] Ihre Aufgaben üben sie in 30 Bistümern aus, meistens in Frankreich, ferner in Deutschland, Kuba und Italien.

In Frankreich

Die ersten Aufgaben in französischen Bistümern wurden Priestern der Gemeinschaft in den 1980er-Jahren im Bistum Toulon in der Provence anvertraut, darunter die Seelsorge in Fayence (1983) in der Côte-d’Azur-Stadt Saint-Raphael (1986).[5] In Frankreich werden ländliche Regionen betreut, sowie Font-Romeu oder Mortagne-au-Perche, oder Stadtpfarreien, sowie die Kathedralpfarreien von Soissons, Amiens[6] und Châlons, aber auch eine Pfarrei in Paris. Seit 2015 ist die Gemeinschaft auch in der Wallfahrtsseelsorge im Wallfahrtsort Lourdes tätig.[5]

2021 wurde die Seelsorge in vier weiteren Orten übernommen, in Douai im Erzbistum Cambrai, in Mulhouse im Erzbistum Strassburg, in Gap im gleichnamigen Bistum und in Pierrelatte im Bistum Valence.[7] 2022 kamen zwei Orte hinzu, Garge lès Gonesse im Bistum Pontoise und die Wallfahrtsseelsorge auf dem Mont Saint-Michel im Bistum Coutances.

Außerhalb von Frankreich

Kreuzweg im Marienwallfahrtsort Neviges mit Priestern der Gemeinschaft, 2022.

In Rom stehen Priester der Gemeinschaft Sankt Martin im Dienst des Heiligen Stuhls oder befinden sich im Studium.[8]

Seit 2006 ist die Gemeinschaft auf Kuba vertreten. Dort sind fünf Priester in einer Pfarrei im Bistum Santa Clara tätig.[9]

In Deutschland gibt es seit 2022 eine Niederlassung im Wallfahrtsort Neviges in der Stadt Velbert.[10] Die drei Priester der Gemeinschaft wurden am 27. September 2020 in einem Festgottesdienst begrüßt und eingeführt. Die Gemeinschaft hat die Seelsorge in der Wallfahrt sowie in den Pfarrgemeinden von Neviges und Tönisheide übernommen. Die Priester leben im bisherigen Franziskanerkloster.[11]

Spiritualität

Die Gemeinschaft Sankt Martin sieht sich in einer Linie mit der Spiritualität der sogenannten École française. Konkret sind vor allem das Gemeinschaftsleben und die Feier des liturgischen Jahrs zentral.[12] Außerdem werden die Lectio divina und der gregorianische Choral gepflegt. Ihre Wurzeln hat die Spiritualität in der geistlichen Verwandtschaft des Gründers, Jean-François Guérin, mit der benediktinischen Kongregation von Solesmes. Guérin war Oblate der zu dieser Kongregation gehörigen Abtei Fontgombault.

Einzelnachweise

  1. Elections du Modérateur Général de la Communauté. 20. April 2022, abgerufen am 20. April 2022 (französisch).
  2. Geschichte der Gemeinschaft. Communauté Saint-Martin, Februar 2014, archiviert vom Original am 28. Dezember 2019; abgerufen am 17. Dezember 2014.
    Historique. Communauté Saint-Martin, Februar 2014, abgerufen am 17. Dezember 2014 (französisch).
  3. Qui sommes nous ? Abgerufen am 18. Mai 2022 (französisch).
  4. Qui sommes nous ? In: Communauté Saint-Martin. Abgerufen am 8. Februar 2023 (französisch).
  5. Historique. In: Communauté Saint-Martin. Abgerufen am 4. Februar 2023 (französisch).
  6. Fidesio: Amiens. In: Communauté Saint-Martin. 11. September 2018, abgerufen am 4. Februar 2023 (französisch).
  7. Fidesio: The community of Saint-Martin 2021-2022. In: Communauté Saint-Martin. 18. Mai 2021, abgerufen am 8. Februar 2023 (englisch).
  8. CSM Equipe Communication: Au service du Saint-Siège. In: Communauté Saint-Martin. 15. September 2015, abgerufen am 4. Februar 2023 (französisch).
  9. Placetas - Mission à Cuba. 14. September 2015, abgerufen am 24. Mai 2022 (französisch).
  10. Priestergemeinschaft St. Martin kommt nach Velbert-Neviges. In: die-tagespost.de. 31. Mai 2020, abgerufen am 31. Mai 2020.
  11. Feierliche Einführung der Gemeinschaft Sankt Martin in Neviges. Erzbistum Köln, 28. September 2020, abgerufen am 28. September 2020.
  12. Qui sommes nous ? In: Communauté Saint-Martin. Abgerufen am 4. Februar 2023 (französisch).
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