Creamcheese
Das Creamcheese war ein Lokal in der Düsseldorfer Altstadt, das am 21. Juli 1967 eröffnete und bis Dezember 1976 bestand.
Geschichte

Gegründet von Hans-Joachim „Achim“ Reinert (* 1930) und Bim Reinert (* 3. Juni 1934 in Jüchen; † 3. Juni 2011 in Düsseldorf als Resi Lingen)[1][2] und konzeptionell gestaltet von dem Bildhauer Günther Uecker, dem Filmemacher Lutz Mommartz, dem Designer Danilo Silvestrin und dem Allround-Künstler Ferdinand Kriwet, entstand in der Neubrückstraße 12 ein für damalige Verhältnisse spektakuläres und originelles Lokal, wie u. a. die Frankfurter Rundschau im Januar 1968 berichtete.[3] Uecker hatte sich der von Heinz Mack und Otto Piene gegründeten Künstlergruppe ZERO angeschlossen, deren Werke sich um Licht, Bewegung, Raum und Zeit, Dynamik und Vibration drehten. Diese Elemente sollten auch das Creamcheese bestimmen.[4] Die Idee, Popmusik mit Kunst zu verbinden, beruhte auf dem Vorbild von Andy Warhols Club The Dom.[5]
Die Ausstattung, wie etwa eine 20 Meter lange Theke mit Spiegel-Lamellen-Rückwand von Heinz Mack, Titel „der Mund“, ein Gemälde von Gerhard Richter im Vorraum, das ein liegendes Mädchen zeigte, die bis zu 24 laufenden Fernseher, eine zum Podium erhobene Tanzfläche, dem „Aktionsraum“ und diverse Kunstobjekte wie ein überdimensionaler Nagel in einem Metallkäfig als Objekt von Uecker, Titel: „electric Garden“, machte das Creamcheese zu einem intellektuellen Lokal in der Zeit der End-1960er. Das Creamcheese-Manifest[6] lieferte die Programmatik des Künstlerlokals.
Weit über Düsseldorfs Stadtgrenze bekannt stand der Name Creamcheese für einen progressiven Musiksound. Zu hören waren bekannte Bands wie Atomic Rooster, Iron Butterfly, Camel, Pink Floyd, Birth Control, Supertramp, Genesis, Deep Purple und Frank Zappa, der mit seinem Song Son of Suzy Creamcheese den Namen für den Insidertreff lieferte. Suzy Creamcheese ist eine fiktive Person, die unter anderem auf Zappas Album Freak Out! mehrere Auftritte hat. Uecker hatte Zappa bei seinen New York-Aufenthalten kennengelernt. Bei seinen Tourneen im Dezember 1970 und November 1971 trat Zappa auch in Düsseldorf auf und besuchte bei diesen Gelegenheiten das Creamcheese. Deutsche Gruppen wie Tangerine Dream, Can, Kraftwerk oder Freejazzer wie Peter Brötzmann spielten live im Creamcheese.[7]
Achim Reinert stand in seinem langen schwarzen Ledermantel mit Schaffnerkasse vor dem Bauch wie eine lebendige Skulptur an der Tür. Hinter der Theke bedienten heute bekannte Künstler, wie Blinky Palermo, Imi Knoebel oder Katharina Sieverding. Das Creamcheese zog nicht nur Musik- und Tanzbegeisterte an, sondern auch Künstler wie Joseph Beuys, Anatol Herzfeld und Günther Uecker zählten zum Stammpublikum. Angeregt durch Johann Kuiper fanden diverse „Kneipentheater“-Aufführungen statt, gefördert von den damaligen Besitzern Bim und Achim Reinert. So führten zum Beispiel die Künstler Beuys und Herzfeld am 5. Dezember 1968 die gemeinsame Aktion Handaktion und Der Tisch auf.[8] Mommartz drehte 1967/68 im Creamcheese zwei Kurzfilme: Oben / Unten[9] und Gegenüber[10]. Beide Filme zeigte Mommartz 1968 auf der Documenta 4 in seinem Zweileinwandkino.[11] Auch für Filmvorführungen und avantgardistische Modenschauen stand das Cream zur Verfügung. Mit seinen Rundscheiben, den an die Wand projizierten, kreisförmig angeordneten Worten, schaffte Krivet eine neue Art der visuellen Gestaltung von Texten, welche zusammen mit dem Stroboskoplicht ganz neue Sinnes-Eindrücke für die Besucher erzeugte.
Somit wurde das Creamcheese zu einem Gesamtkunstwerk und entwickelte sich zu einem Stück Zeitgeschichte. Der langjährige documenta-Ausstellungsleiter Arnold Bode äußerte sich 1968 über das Creamcheese: „Das ist keine Kneipe, sondern als Raum ein Gesamtkunstwerk“.[12]
Im Dezember 1976 zog das Lokal unter dem neuen Namen Cream in die Flingerstraße 11 um. Die neue Version des Lokals konnte aber an den alten Erfolg nicht mehr anknüpfen.[13] Der Nachbau der damaligen „längsten Theke Deutschlands“ wurde zeitweise im Düsseldorfer Kunstmuseum im Ehrenhof, das fast die ganze künstlerische Innenausstattung des Creamcheese aufgekauft hatte,[14] mit den Original-Exponaten ausgestellt. Erwähnung fand das Creamcheese auch in „Summer of Love“, einer Ausstellung der Tate Liverpool in Kooperation mit der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main und der Kunsthalle Wien.
Verein Creamcheese e. V.
Mitarbeiter von Achim Reinert veranstalteten seit Schließung des Creamcheese mit ihm regelmäßig Events unter Nutzung des Namens der alten Location.[15] Im Juli 2005 gründeten die ehemaligen Creamcheese-Mitarbeiter Johannes (Hans) Herriger sowie der langjährigen Creamcheese-Diskjockey Günther Leyl, die nach der Schließung des Creamcheese in Achim Reinerts Cream arbeiteten, zusammen mit den Cream-Mitarbeitern Peter Rewald und Robert Eglauer und anderen nicht unmittelbar mit dem Creamcheese verbundenen Personen (Petra Rewald, Thomas Aulenkamp, Andreas Hesselmann, Ralf-Georg Wegemann, Birgit Marlis Bongardt und Michael Meglitsch) mit ihrem damaligen Chef Achim Reinert den Verein Creamcheese.[16][17]
Achim Reinert, meist im Hintergrund agierend, war das Mitglied Nummer eins, zeitlebens Ehrenmitglied und bei vielen Veranstaltungen auch persönlich anwesend.[18][19] Der Creamcheese e. V. ist eine kulturell wirksame Vereinigung im Sinne der Kunst- und Kulturvereinigung des Creamcheese der Jahre 1967 bis 1976[16]. Zweck und Aufgabe des Vereins ist die Pflege des Andenkens an das kulturelle Leben im und rund um das Creamcheese, das während seines Bestehens ein wichtiger kultureller Treffpunkt von Künstlern und anderen Kulturträgern war[20].
Der Aktionskünstler HA Schult veranstaltet mit dem Creamcheese e. V. am 19. Oktober 2018 im Andreasquartier in Düsseldorf „Creamcheese ist ein Gefühl“.[21][22] Die Aktion wurde durch den größten Heimatverein Europas, die Düsseldorfer Jonges, unterstützt.
Der Creamcheese e. V. war im Folgejahr am 19. Mai 2019[23][24] und 7. Dezember 2019[25] im Künstlerkeller des Künstlervereins Malkasten in Düsseldorf zweimal mit der Aktion „Creamcheese zu Gast im Malkasten“ präsent.
In den beiden Folgejahren 2020/21 war durch die Corona-Pandemie keine Veranstaltung möglich. Leider konnte der Künstlerkeller des Malkasten, den viele als neue feste Location für die Creamcheese-Veranstaltungen sahen, nicht mehr genutzt werden. Dort sind wegen der räumlichen Voraussetzungen zukünftig nur weniger als die Hälfte der ursprünglichen Gäste möglich.
Am 13. August 2022 unterstützte der Creamcheese e. V. den „Düsseldorfer Büdchentag“ mit musikalischen Beiträgen beginnend bei Musik aus dem Creamcheese, über das Cream und das Kick (alles ehemalige Locations von Achim Reinert) bis zum Line Light.[26]
Die Neuinterpretation des Creamcheese – vor und nach der Vereinsgründung – wurde durch Achim Reinert durch dessen Schenkungen und persönliche Mitarbeit gefördert und legitimiert. Die gewerblichen Musikveranstaltungen und deren Erlöse waren seit der Eröffnung des originalen Creamcheese im Jahr 1967 die eigentliche finanzielle Basis der Kunstprojekte. Daran hat sich auch unter dem Creamcheese e. V. nichts geändert.[16]
Creamcheese ist immer noch ein Kunstprojekt, wenn auch deutlich kleiner, vor allem aber immer noch eine zu 100 % authentische Musikveranstaltung aus der Zeit, mit vielen multimedialen Elementen, bei der auch nur die Musik, welche tatsächlich im Creamcheese 1967–1976 aufgelegt wurde, gespielt wird und dadurch als letzte verbliebene Veranstaltung aus der Zeit als legendär zu bezeichnen.[27][28]
Der Verein ist zudem Inhaber der beim Deutschen Patent- und Markenamt eingetragenen Marke Creamcheese[29][30].
Literatur
- Thomas Hecken: Pop und Politik. Überlegungen am Beispiel des ‚Creamcheese‘ und der ‚Internationalen Essener Song-Tage 1968‘. In: Dirk Matejovski, Marcus S. Kleiner, Enno Stahl (Hrsg.): Pop in R(h)einkultur. Oberflächenästhetik und Alltagskultur in der Region. Klartext, Essen 2008, ISBN 978-3-8375-0005-9, S. 245–264.
- Tiziana Caianiello: Der "Lichtraum (Hommage à Fontana)" und das "Creamcheese" im museum kunst palast: Zur Musealisierung der Düsseldorfer Kunstszene der 1960er Jahre (Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement); transcript Verlag; 1. April 2005 ISBN 978-3899422559, S. 95–164
- Uwe Husslein (Hrsg.): Pop am Rhein; Verlag Walther König; 10. Dezember 2007 ISBN 978-3865603753, S. 8–45
- Alexander Simmeth: Krautrock transnational: Die Neuerfindung der Popmusik in der BRD, 1968–1978; transcript Verlag; 16. Juni 2016 ISBN 978-3837634242
Weblinks
- Schirn Magazin: Kunst ist Unterhaltung ist Pop ist Creamcheese von Marie-Sofie Beckmann, 11. Dezember 2014
- Schirn Magazin: In Düsseldorf ging dann die Post ab von Sabine Weier, 9. Januar 2015
- Creamcheese-Radioclip bei YouTube
- Düsseldorf, Altstadt 1975 (Creamcheese: ab Minute 5:47 bis 6:58) bei YouTube
- Video der Veranstaltung „Creamcheese ist ein Gefühl“
Einzelnachweise
- Zum Tod von Bim Reinert - Mitbegründerin des Creamcheese (Memento vom 30. Juli 2016 im Internet Archive), auf creamcheese-ev.de, abgerufen am 30. Juli 2016.
- Clemens von Looz-Corswarem, Benedikt Mauer (Hrsg.): Das grosse Düsseldorf Lexikon. Greven Verlag, Köln 2012, ISBN 978-3-7743-0485-7, S. 576.
- Antonia Loick: Was war los in Düsseldorf 1950–2000. Sutton, Erfurt 2000, ISBN 3-89702-273-7, S. 43.
- Uwe Husslein (Hrsg.): Pop am Rhein; S. 10–11
- Alexander Simmeth: Krautrock transnational: Die Neuerfindung der Popmusik in der BRD, 1968-1978; S. 113
- Creamcheese-Manifest In: emuseum.duesseldorf.de. Abgerufen am 27. Mai 2020
- Uwe Husslein (Hrsg.): Pop am Rhein; S. 12 und S. 25
- Dietmar Kirves Filmdokumentationen In: kirves.no-art.info. Abgerufen am 27. Mai 2020.
- Lutz Mommartz: Oben / Unten, Kurzfilm 1967. mommartzfilm.de, abgerufen am 24. November 2022.
- Lutz Mommartz: Gegenüber, Kurzfilm 1968 (Memento vom 7. März 2017 im Internet Archive), auf mommartzfilm.de
- Fallstudie 6: Lutz Mommartz, Zweileinwandkino, 1968 In: stiftung-imai.de. Abgerufen am 27. Mai 2020
- Antonia Loick: Was war los in Düsseldorf 1950–2000. Sutton, Erfurt 2000, ISBN 3-89702-273-7, S. 44.
- Tiziana Caianiello: Der "Lichtraum (Hommage à Fontana)" und das "Creamcheese" im museum kunst palast; S. 127
- Manfred Schwarz: Gestrandete Himmelfahrt. In: Die Zeit. 17. September 2009, Nr. 39 (Artikel im Portal creamcheese-ev.de (Memento vom 23. Februar 2017 im Internet Archive), abgerufen am 27. März 2015).
- Facebook-Seite CreamcheeseEV/events. Creamcheese e. V., 2014, abgerufen am 24. November 2022.
- Creamcheese Gesamtkunstwerk. Creamcheese e. V., abgerufen am 24. November 2022.
- Soundlabor der 1960er und 1970er: Creamcheese. Abgerufen am 24. November 2022.
- Creamcheese_Vernissage1.mov. Abgerufen am 24. November 2022 (deutsch).
- Creamcheese Vernissage2. Abgerufen am 24. November 2022 (deutsch).
- EX-Creamcheese. NRW Tourismus, abgerufen am 24. November 2022.
- Creamcheese e.V. Abgerufen am 24. November 2022.
- 19 Oktober 2018 | Veranstaltungshinweis | 0 |: Creamcheese - Ein Gefühl. 19. Oktober 2018, abgerufen am 24. November 2022 (deutsch).
- Event „Creamcheese zu Gast im Malkasten“ - Creamcheese® Klaus Schröder©. Abgerufen am 24. November 2022.
- Düsseldorfer Anzeiger: Kultkneipe im Malkasten: Versunken im Creamcheese. 20. Mai 2019, abgerufen am 24. November 2022.
- Creamcheese zu Gast im Malkasten. Abgerufen am 24. November 2022.
- Düsseldorfer Büdchentag 2022. Abgerufen am 24. November 2022.
- Creamcheese Revival Party. Abgerufen am 24. November 2022 (deutsch).
- Westdeutsche Zeitung: Düsseldorf: Creamcheese - Kneipe als Gesamtkunstwerk. 2. November 2018, abgerufen am 24. November 2022.
- Registernummer 302015209074. DPMAregister | Marken - Registerauskunft, abgerufen am 24. November 2022.
- Registernummer 302021110327. DPMAregister | Marken - Registerauskunft, abgerufen am 24. November 2022.