Das Krokodil (Oper)
Das Krokodil[1] ist das vierte Bühnenwerk des deutschen Komponisten Jury Everhartz und der österreichischen Librettistin Kristine Tornquist aus dem Jahr 2004 in Zusammenarbeit mit dem sirene Operntheater Wien. Die Geschichte entstammt der gleichnamigen Erzählung Das Krokodil von Fjodor Michailowitsch Dostojewski.
| Operndaten | |
|---|---|
| Titel: | Das Krokodil |
![]() Szenenbild | |
| Form: | Kammeroper |
| Originalsprache: | Deutsch |
| Musik: | Jury Everhartz |
| Libretto: | Kristine Tornquist |
| Literarische Vorlage: | Fjodor Michailowitsch Dostojewski: Das Krokodil |
| Uraufführung: | 26. Februar 2004 |
| Ort der Uraufführung: | Wien, sirene Operntheater im Jugendstiltheater am Steinhof |
| Spieldauer: | ca. 90 Minuten |
| Ort und Zeit der Handlung: | Sankt Petersburg, um 1865 |
| Personen | |
Handlung
Das Krokodil verschlingt Iwan Matwejewitsch in der Schaubude, in der es gezeigt wird, mit einem Bissen. Er hatte es mit seinem Spazierstock ein wenig gereizt, um seine Frau Jelena zu beeindrucken.
Als die entsetzten Zuschauer des Geschehens die Stimme des unverletzten Iwan aus dem Krokodil heraus vernehmen, legt sich die erste Aufregung. Es beginnt ein absurdes Spiel um vernünftelnde Unvernunft und verschiedene Eigeninteressen, die sich hinter dem sogenannten ökonomischen Prinzip verbergen.
Der Krokodilbesitzer, ein radebrechender Deutscher, weigert sich, sein Kapital, das Krokodil, zu opfern. Er freut sich über das heranströmende Publikum, das nun viel mehr zu zahlen bereit ist.
Das ökonomische Prinzip ginge über alles, hört man auch Iwan Matwejewitsch aus dem Bauch des Krokodils. Er hofft, aus der warmen Höhle heraus seine kruden Gesellschaftsideen besser vertreiben zu können und berühmt zu werden.
Seine Frau Jelena Iwanowna findet nach dem ersten Schreck ihren neuen Status als eine Art Witwe befreiend interessant. Iwan Matwejewitschs, Vorgesetzter Timofej Semjonowitsch, der helfen soll, hält Verschlungenwerden für unanständig und rät – aus Gründen des ökonomischen Prinzips – die ganze Sache als Privatangelegenheit zu behandeln und diskret abzuwarten.
Nur Semjon Semjonowitsch, der väterliche Freund, kann nicht begreifen, warum sich alle sofort und gerne in das Schicksal fügen, doch alle seine Versuche, den absurden Zustand zu beenden, scheitern an der Gleichgültigkeit und Verblendung der Betroffenen.
Als Semjon Semjonowitsch Iwan Matwejewitsch die ersten Zeitungsberichte vorliest, in denen der seinen aufsteigenden Ruhm erwartet, ist die Enttäuschung groß. Denn die Wahrheit ist darin völlig entstellt. Es heißt darin etwa, ein Betrunkener hätte unzivilisierterweise das europäische Krokodil aufgefressen und die russische Gesellschaft sei der europäischen Zivilisiertheit noch nicht gewachsen.
Vor Zorn über das Unverständnis seinen modernistischen Ideen gegenüber tobt Iwan Matwejewitsch wüst im Bauch des Krokodils herum, so dass das gequälte Tier ihn wieder herauswürgt.
Er schält sich als Krokodil aus dem Krokodil. Um seine Erkenntnisse an die Welt weiterzugeben, möchte er sie ins Krokodil zerren. Im Krokodil, verspricht er, läge die optimale Welt.
Der Hintergrund
Iwan Matwejewitsch landet aus Unachtsamkeit im Bauch eines Krokodils – und es stellt sich heraus, dass es aus ökonomischen Gründen unmöglich ist, ihn daraus wieder zu befreien.
Dostojewskis frühe Kapitalismuskritik ist eine absurde Irrfahrt in den ganz normalen Wahnsinn. Die vernünftelnde Logik des Geldes wird in dieser skurrilen Geschichte ebenso aufs Korn genommen wie die lähmende Umständlichkeit von Politik und Bürokratie.
Im Erzählfragment Das Krokodil von 1865 verarbeitet Fjodor M. Dostojewski nach einer mehrjährigen Reise durch Europa die „materialistische Seelenlosigkeit“, die er dort vorfand.
Das Krokodil nimmt sowohl die bürokratische Denkweise, die sich vom unmittelbaren Leben so absurd entfernt hat, aufs Korn als auch die aus Europa nach Russland dringende rationalistische Ökonomieidee.
Dass der Besitzer des Krokodils, der sich weigert, sein Kapital eines Menschenlebens wegen zu opfern, ein Deutscher ist, ist kein Zufall.
Dostojewski war zwar einerseits ein leidenschaftlicher Gegner von Europa und insbesondere Deutschlands, vor allem aber ließ sich damit die russische Unterwürfigkeit vor aus Europa importierten Ideen darstellen: Das „ökonomische Prinzip“, von dem die Rede ist, meint den Ursprung des Kapitalismus aus der Aufklärung, wie er in Büchern wie Bernard Mandevilles Bienenfabel (1724), L’homme maschine von Julien Offray de La Mettrie, Jeremy Benthams Principles of Morals and Legislation (1780) und Der Utilitarismus von der „Benthamschen Denkmaschine“ John Stuart Mill beschrieben ist.
Diese urkapitalistischen Ideen verknüpften sich in der russischen Beamtenschicht mit den harten feudalistischen Strukturen, der Leibeigenschaft und der tiefreligiösen Anlage zu einem absurden Konglomerat von Missachtung des Menschenlebens. Begeistert wird vertreten, was den Untergang verursacht.
„Wir sind allesamt aus Gogols Mantel hervorgeschlüpft.“ Damit beschreibt Dostojewski seine Generation. Wie Gogols Nase (1835) wird Das Krokodil (1865) einerseits aus der Tradition phantastischer russischer Volkserzählungen gespeist, zum anderen vom Hang zum Phantastischen in der europäischen Romantik.
Und wie in Gogols Mantel der Mantel ein Katalysator der menschlichen Beziehungen ist, ist auch das Krokodil, das Iwan verschluckt, nur eine Versuchsanordnung, um die Struktur der Beziehungen und der bürgerlichen Gesellschaft zu beobachten.
Dabei muss man zum Schluss kommen, dass das Krokodil weit weniger gefährlich ist als die Gesellschaft.
Iwans Vorgesetzter lässt seinen Beamten sofort wie eine heiße Kartoffel fallen, seine Frau nimmt seine Lage als Vorwand, ihn (endlich) zu verlassen, der Krokodilsbesitzer denkt mit Freuden an die geschäftlichen Vorteile, die ihm Iwans Nachteile verschaffen, und die Presse nützt das Ereignis für ihre Propagandazwecke.
Sigismund von Radecki konstatiert den russischen Blick: Dabei wird die Welt nicht als böse hingestellt, sondern gerade wie sie ist: lauwarm, halb böse, halb gutmütig, halb gleichgültig, es ist recht eigentlich eine Scheinwelt.
Das Gefährliche hat keine Zähne, sondern besteht in der Hingabe an das Faktische. Es ist eine durchaus moderne Haltung, sich mit dem Übel gemütlich einzurichten – da man eine schlechte Situation aus diesem und jenem praktischen Grund, aus Faulheit oder Mangel an Phantasie tolerieren müsse, könne man ja gleich versuchen, davon zu profitieren.
Dieser Zynismus ist in Dostojewskis Krokodil ins Lächerliche gemäßigt.
Jorge Luis Borges schreibt dazu: Das bürokratische und hierachische Rußland, das uns Dostojewskijs Werke vorführen, ist wohl nicht allzu verschieden von dem unserer Tage. Die kleinliche Bürokratie ist, satirisch überhöht, das Hauptthema der unvollendeten Phantasie vom Krokodil. Die Atmosphäre ist die des Traumes, der schon fast in den Alptraum umschlägt. Aber dank des humoristischen Tones und der albernen Trivialität der Hauptpersonen versinkt er nicht in dessen Abgründen. Der Leser mutmaßt, daß Dostojewski nicht mehr wußte, wie er aus dem Krokodil wieder herauskommen sollte – das würde erklären, warum diese Erzählung keinen Abschluß findet.
Der neoliberalistische Kapitalismus ist heute nicht mehr eine der vielen Ideen, aus denen man wählen könnte, sondern praktisch die einzige mögliche. So strömen alle in den Bauch des Krokodils hinein, ganz und gar freiwillig.
Gestaltung
Szenenfolge
- Prolog / Vorspiel. Pantomime
- 1. Szene. Iwan Matwejewitsch, Jelena Iwanowna und Semjon Semjonowitsch besuchen die Krokodilschau
- 2. Szene. Semjon Semjonowitsch als Bittsteller bei Timofej Semjonowitsch, Iwan Matwejewitschs Chef
- 3. Szene. Semjon Semjonowitsch kehrt zum Krokodil zurück, um Iwan Matwejewitsch zu berichten
- 4. Szene. Semjon Semjonowitsch besucht die schöne Jelena Iwanowna und trinkt mit ihr Tee
- 5. Szene. Semjon Semjonowitsch besucht Iwan Matwejewitsch und liest ihm die Zeitungsmeldungen vor
- Epilog / Nachspiel. Die Näherinnen
Besetzung
Das abendfüllende Werk ist für eine sehr ungewöhnliche Besetzung geschrieben. Die Partitur sieht außer fünf Sängerinnen und Sängern und einem solistischen Frauenterzett 12 gleichschwebend temperierte Konzertflügel vor, die im Bühnenraum verteilt sind. Die 12 Pianisten spielen gelegentlich kleine Schlaginstrumente und präpieren die Klaviere auf verschiedene Arten und Weisen.
Werkgeschichte
Der Uraufführung[2] fand am 26. Februar 2004 im Jugendstiltheater am Steinhof in Wien statt. In einer Koproduktion des sirene Operntheaters mit dem Jugendstiltheater folgten dort weitere fünf Vorstellungen in der Uraufführungsreihe.
Die musikalische Leitung übernahm Marino Formenti, Regie führte Kristine Tornquist. Die Produktionsleitung hatte Alois Hofinger.
Sängerinnen und Sänger
- Lisa Fornhammar (Jelena Iwanowna)
- Bernd Oliver Fröhlich (Iwan Matwejewitsch)
- Marco Di Sapia (Semjon Semjonowitsch)
- Alfred Werner (Timofej Semjonowitsch)
- Rupert Bergmann (Der Krokodilsbesitzer)
- Barbara Dorfmann, Pia Ernstbrunner, Heidemaria Gruber (3 Näherinnen)
Leading Team
- Kristine Tornquist (Regie)
- Marino Formenti (musikalische Leitung)
- Jakob Scheid (Bühne)
- Vesna Tusek (Kostüm)
- Manora Auersperg (Maske)
- Alois Hofinger (Produktionsleitung)
Pianistinnen und Pianisten
- Christine David
- Ulrike Fendel
- Jeffrey Greiman
- Rossen Gergov
- Jan Janicki
- Elena Larina
- Ariane Matiakh
- Benjamin McQuade
- Bernhard Ott
- Susanna Spaemann
- Sigrid Trummer
- Kyôko Yoshizawa
Weblinks
- Videomitschnitt der Uraufführungsproduktion auf YouTube
- Partitur
- Libretto (PDF; 39 kB)
