Harald Matthes

Harald Matthes (* 1961 in Berlin) ist ein deutscher Mediziner sowie Geschäftsführer des anthroposophisch orientierten Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe. Wegen unwissenschaftlicher Äußerungen zur Corona-Pandemie und den Impfstoffen gegen COVID-19 wurde er kritisiert.

Werdegang

Matthes studierte nach dem Besuch der Rudolf-Steiner-Schule Berlin von 1981 bis 1986 an der Freie Universität Berlin Medizin.[1] Im Jahr 1987 wurde Matthes mit einer Arbeit zum Thema Charakterisierung des elektrogenen - Cotransporters an kultivierten Endothelzellen der Cornea zum Dr. med. promoviert.

Seit Januar 1995 ist er Leiter des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe.

Matthes habilitierte sich 2010 an der Charité Berlin zur Beurteilung von Arzneimittelindikationen, - sicherheit, -wirksamkeit und -nutzen in der konventionellen und komplementären Medizin unter spezieller Berücksichtigung der Anthroposophischen Medizin mittels eines elektronischen Ärztenetzwerks (EvaMed). Das der Habilitation zugrunde liegende Projekt EvaMed wurde von verschiedenen anthroposophienahen und alternativmedizinischen Stiftungen finanziert. Mit über 65 % des Gesamtvolumens war die anthroposophienahe Software AG - Stiftung die größte Förderin.[2]

Seit April 2013 ist Matthes Mitglied des Verwaltungsrates des Produzenten für anthroposophische Pharmazeutika Weleda (Unternehmen).[3]

2017 wurde er Inhaber der neu geschaffenen Stiftungsprofessur für integrative und anthroposophische Medizin an der Charité.[4] Einer Recherche von MedWatch zufolge wird die Stiftungsprofessur von der anthroposophienahen Software AG - Stiftung finanziert.[5]

Forschungsschwerpunkte

Matthes forscht unter anderem zur Anwendung der Misteltherapie sowie zur, insbesondere alternativmedizinischen, Behandlung von diversen Tumoren und Chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen.[6]

Äußerungen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie

Als Geschäftsführer des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe, welches auch Patienten mit COVID-19 behandelte, führte Matthes in einem Interview die Tatsache, dass es in seiner Klinik bislang keine an Corona verstorbenen Patienten gab, auf dort angewandte alternativmedizinische Behandlungsmethoden zurück. Hierzu zählten laut Matthes unter anderem Meteoreisen, Phosphor und Zaunrübe.[7]

Für diese Äußerungen wurde Matthes vielfach kritisiert.[8]

Eine umfangreiche Recherche der taz ergab 2022, dass Corona-Schutzvorschriften wie die Maskenpflicht im Krankenhaus Havelhöhe nicht ausreichend eingehalten wurden. In der Behandlung von COVID-19 würden auch Senf- und Ingwerwickel angewendet. Matthes habe sich für eine Durchseuchung bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausgesprochen und dem Personal empfohlen, sich nur mit einer halben Dosis impfen zu lassen, was nicht den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission entspricht.[9]

Umstrittene Studie zu Nebenwirkungen der Impfung gegen SARS-CoV-2

Im Rahmen einer Beobachtungsstudie zum Sicherheitsprofil von Covid-19-Impfstoffen äußerte sich Matthes dahingehend, dass die Zahl schwerer Komplikationen 40 Mal höher sei, als durch das Paul-Ehrlich-Institut angegeben.[10]

An dieser Äußerung wurde eine irreführende Wortwahl bei der Kommunikation der Ergebnisse, ein mangelhaftes Studiendesign sowie die noch fehlende schriftliche Publikation als Beleg kritisiert.[11]

Die Charité distanzierte sich öffentlich von seinen Äußerungen und nannte die Ergebnisse eine „noch nicht einmal abgeschlossene Internetumfrage“.[12] Die Charité kritisierte öffentlich methodische Schwächen seiner Arbeit. Matthes hatte in einer nicht wissenschaftlich validen „ImpfSurv-Studie “ angebliche „Impfnebenwirkungen“ erfasst und daraus die These abgeleitet, das Paul-Ehrlich-Institut erfasse Nebenwirkungen nicht ausreichend. An der Befragung konnten Personen unerfasst und mehrfach teilnehmen. Der Charité-Vorstand empfahl wegen dieser Mängel die „Studie“ nicht fortzusetzen und distanzierte sich von Matthes‘ Behauptungen.[13][14]

Mitgliedschaften (Auswahl)

Publikationen (Auswahl)

  • H. Matthes, G. Moser, G. Jantschek: Colitis ulcerosa. Komplementäre Therapien. In: Z Gastroenterol. Band 42, 2004, S. 1031–1032.
  • B. K. Piao, Y. X. Wang, G. R. Xie, U. Mansmann, H. Matthes, J. Beuth, H. S. Lin: Impact of complementary mistletoe extract treatment on quality of life in breast, ovarian and non-small cell lung cancer patients. A prospective randomized controlled clinical trial. In: Anticancer Res. Band 24, 2004, S. 303–309.
  • G. S. Kienle, M. Karutz, H. Matthes, P. Matthiessen, P. Petersen, H. Kiene: Evidenzbasierte Medizin: Konkurs der ärztlichen Urteilskraft? In: Dt Ärzteblatt. Band 100, 2003, S. A-2142-2146.
  • H. Matthes: Unkonventionelle Therapien: Eine methodische Übersicht. In: Bauchredner. 9, 2000.
  • H. Matthes: Anthroposophische Gesichtspunkte zur Helicobacter pylori Infektion: Der Magen als ein dreigegliedertes Organ. In: Weleda Korrespondenzblätter. 2001.
  • H. Matthes: Alternative Therapien bei CED. In: J. C. Hoffmann, B. Klump, A. Kroesen (Hrsg.): Das CED - Manual. Thieme, Stuttgart 2003, S. 199–203.
  • H. Matthes, H. Herbst, D. Schuppan, A. Stallmach, S. Milani, H. Stein, E. Riecken: Procollagen I and IV in situ Hybridisation: Evidence for different regulation of collagen metabolism in Crohn's disease and ulcerative colitis. In: Gastroenterology. 98 Suppl. A, 1990, S. 462.
  • H. Matthes: Onkologische Misteltherapie (Viscum album l.) aus klinisch-anthroposophischer Sicht. In: R. Scheer, R. Bauer, H. Becker, P. A. Berg, V. Fintelmann (Hrsg.): Die Mistel in der Tumortherapie; Grundlagenforschung und Klinik. Volume 1, KVC Verlag, Essen 2001, S. 253–274.

Einzelnachweise

  1. Prof. Dr. med. Harald Matthes - Krankenhaus Havelhöhe. Abgerufen am 4. April 2022.
  2. Harald Matthes: Beurteilung von Arzneimittelindikationen, -sicherheit, -wirksamkeit und -nutzen in der konventionellen und komplementären Medizin unter spezieller Berücksichtigung der Anthroposophischen Medizin mittels eines elektronischen Ärztenetzwerkes (EvaMed). Habilitationsschrift. 2010, S. 57.
  3. Harald Matthes, Weleda AG Profile. Bloomberg, abgerufen am 17. Mai 2022 (englisch).
  4. Prof. Dr. med. Harald Matthes. Abgerufen am 4. April 2022 (deutsch).
  5. Christian Honey: Der Masterplan der Anthroposophie. MedWatch, 3. Dezember 2019, abgerufen am 4. April 2022.
  6. Forschungsprofil Harald Matthes. Charité - Universitätsmedizin Berlin, abgerufen am 17. Mai 2022.
  7. Waldorfpädagogik heute: Vom Katastrophenmodus der Politik zum risikostratifizierten Handeln. Erziehungskunst - Waldorfpädagogik heute, Oktober 2020, abgerufen am 17. Mai 2022.
  8. Philip Oltermann: Ginger root and meteorite dust: the Steiner ‘Covid cures’ offered in Germany. The Guardian, 10. Januar 2021, abgerufen am 17. Mai 2022 (englisch).
  9. Sebastian Erb: Anthroposophisches Krankenhaus Havelhöhe: Alternativer Umgang mit Corona. In: Die Tageszeitung: taz. 4. Februar 2022, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 25. Juni 2022]).
  10. Matthias Toying, Jana Olsen: Corona-Impfung: Charité-Forscher fordert Ambulanzen für Impfgeschädigte | MDR.DE. mdr, 3. Mai 2022, abgerufen am 17. Mai 2022.
  11. 70 Prozent mehr Impfnebenwirkungen? Forscher kritisiert Daten als "unseriös". FOCUS Online, 6. Mai 2022, abgerufen am 17. Mai 2022 (deutsch).
  12. Mike Wilms: Mehr Impf-Nebenwirkungen als offiziell bekannt? Charité distanziert sich von Studie. Berliner Zeitung, 16. Mai 2022, abgerufen am 17. Mai 2022.
  13. Charité distanziert sich von umstrittenem Corona-Forscher. In: B.Z. 25. Juni 2022, abgerufen am 25. Juni 2022.
  14. Corona-Nebenwirkungen: Charité distanziert sich von umstrittenem Corona-Forscher Harald Matthes. In: Der Spiegel. 24. Juni 2022, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 25. Juni 2022]).
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