Ilemi-Dreieck

Das Ilemi-Dreieck (auch nur Ilemi oder Elemi-Dreieck) ist ein umstrittenes Gebiet in Ostafrika zwischen Kenia, dem Südsudan und Äthiopien. Es wird zwischen 10.320 km² und 14.000 km² angegeben und zurzeit (Stand 2006) vollständig von Kenia kontrolliert und zum Turkana County der Provinz Rift Valley (Divisionen Lokichoggio und Lokitaung) gerechnet. Der Sudan erhob bis zur Unabhängigkeit des Südsudans im Jahre 2011, wodurch er nicht mehr an das Gebiet grenzt, auch Anspruch darauf. Seitdem erhebt die südsudanesische Regierung Ansprüche auf das Gebiet. Äthiopien erhebt seit dem frühen 20. Jahrhundert keinen Anspruch mehr darauf. Die unklare Situation ergab sich aus unpräzisen Formulierungen der Verträge aus der Kolonialzeit. Eine Einigung auf eine eindeutige Grenzziehung wurde bisher durch die instabilen Verhältnisse in der Region, z. B. den Sezessionskrieg im Südsudan, und die wirtschaftliche Marginalität des Gebietes verhindert. Der Name ist von Ilemi Akwon, einem Häuptling der Anuak, abgeleitet.[1][2]

Karte von 1978 mit der „Maud Line“ als einzige internationale Grenze

Einwohner

Angehörige des Turkana-Volkes

Die Bewohner des Ilemi-Dreiecks sind vorwiegend nomadische Viehzüchter von den Volksgruppen der Turkana aus dem Nordwesten und Süden sowie Didinga und Toposa aus dem Norden, Nyangatom aus dem Nordosten und Dassanetch aus dem Osten. In der Vergangenheit kam es häufig zu Überfällen auf das Vieh unter der Hirten. Sei dem 19. Jahrhundert lösten dabei Schusswaffen die traditionellen Waffen ab.

Geschichte

Abgrenzung des Ilemi-Dreiecks

Im Südosten des Ilemi-Dreiecks erhob der äthiopische Kaiser Menelik II. Anspruch auf den Turkana-See und schlug eine Grenze zu Britisch-Ostafrika vor, die vom südlichen Ende des Sees ostwärts bis zum Indischen Ozean verlaufen sollte. Von 1902 bis 1903 vermaß Philip Maud von den Royal Engineers die äthiopisch-sudanesische Grenze, die „Maud Line“. Sie wurde durch den anglo-äthiopischen Vertrag vom 6. Dezember 1907 zwischen Äthiopien und Britisch-Ostafrika angenommen. Die Lage der kenianisch-sudanesische Grenze wurde zwar nur vage beschrieben, doch das gesamte Ilemi-Dreieck war eindeutig auf der Westseite der äthiopisch-sudanesischen Grenze.

Im Jahr 1914 gewährte das Abkommen der Uganda-Sudan Boundary Commission dem Sudan Zugang zum Turkana-See über den heute trockenen Sanderson-Golf an der südöstlichen Ecke des Ilemi-Dreiecks (zu dieser Zeit war der Turkana-See die Grenze zwischen den britischen Territorien Uganda und Kenia).

Nach dem Ersten Weltkrieg bewaffneten die Äthiopier die Nyangatom- und Dassanech-Völker, wobei traditionelle Überfälle zu Schlachten wurden, denen mehrere hundert Menschenleben zum Opfer fielen. Im Jahr 1928 stimmte der Anglo-Ägyptische Sudan zu, kenianischen Militäreinheiten zu erlauben über die Grenze von 1914 die Turkana gegen die Dassanech und Nyangatom zu schützen, obwohl es 30.000 Pfund pro Jahr kostete. 1929 begann Kenia, den Sudan zu subventionieren, um das Territorium zu besetzen, welcher es wegen der als nutzlos empfundenen Natur nicht fortsetzen wollte. 1931 war es dann der Sudan, der Kenia subventionierte, um das Gebiet zu besetzen.

1931 wurde die „Red Line“, auch „Glenday-Line“, gezogen, um die nördliche Grenze der Weiden der Turkana festzulegen. In einer Reihe von Abkommen von 1929 bis 1934 einigten sich der Generalgouverneur des Anglo-Ägyptischen Sudan und der Gouverneur von Britisch-Ostafrika darauf, dass diese Grenze akzeptiert werden sollte. 1938 setzte ein gemeinsames kenianisch-sudanesisches Vermessungsteam eine neue, aber ähnliche „Red Line“, welche auch „Wakefield-Line“ genannt wurde.[3]

Nachdem Italien 1936 in Äthiopien einmarschiert war, beanspruchte es ebenfalls das Gebiet des Ilemi-Dreiecks und war nicht mit der „Red Line“ als Einigung einverstanden. Die Dassanetch- und Nyangatom-Völker hatten unter der italienischen Besatzung gelitten und wollten ihre Verluste durch einen Überfall auf die Turkana wettmachen. Mehrere hundert Turkana wurden bei einem Überfall im Juli 1939 von ihnen getötet. Italien gab daraufhin seinen Anspruch auf das Ilemi-Dreieck auf und erlaubte den Briten, mit einem von der Royal Air Force unterstützten Überfall auf die Dassanetch und Nyangatom zu reagieren.

1941 besetzen britische Truppen der King’s African Rifles nach dem Ostafrikafeldzug während des Zweiten Weltkriegs das Ilemi-Dreieck. Worauf das britische Außenministerium im Jahre 1944 eine „Blue Line“ nordwestlich der „Red Line“ vermaß.

Der Sudan errichtete 1950 seine eigene Patrouillenlinie noch weiter in den Nordwesten bis zur Grenze zu Äthiopien und verbot kenianischen und äthiopischen Hirten nordwestlich davon zu ziehen. Die Polizeiarbeit und Entwicklung im Gebiet südöstlich davon gab er auf. Das kenianisch-sudanesische Abkommen legte jedoch fest, dass diese Patrouillenlinie die Souveränität in keiner Weise beeinträchtigt, dass es keine internationale Grenze ist und weiterhin Geld an Kenia gezahlt wird, damit dieses das sudanesische Territorium patrouilliert. Zwischen 1949 und 1953 kam es zu Kämpfen, als der Sudan versuchte, die Nyangatom hinter der Patrouillenlinie zu halten. Nach der Unabhängigkeit des Sudan im Jahr 1956 verwaltete der Sudan das Ilemi-Dreieck sowie einen Großteil des südlichen Landes aufgrund des Ersten sudanesischen Bürgerkriegs im südlichen Sudan nicht.

Das Ilemi-Dreieck als Teil des Turkana Country

1967 unternahm die Regierung des kenianischen Präsidenten Jomo Kenyatta Annäherungsversuche an die Briten, um Unterstützung für die Abtretung des Dreiecks an Kenia zu sichern. Die Briten reagierten jedoch nicht und die Angelegenheit wurde beiseite geschoben. Die weiteren kenianischen Regierungen waren anscheinend bereit, den territorialen Status quo und ihre de facto territoriale Kontrolle zu akzeptieren, auch wenn der kenianische Einfluss nach der Verlegung der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee in den Sudan in den 80er und 90er Jahren abnahm. 1964 bekräftigten Kenia und Äthiopien ihre Grenze. Im Jahr 1972 löste eine Änderung der Grenze zwischen dem Sudan und Äthiopien das Ilemi-Problem nicht, da sie Kenia nicht betraf, bestätigte jedoch, dass Äthiopien keinen Anspruch auf das Ilemi-Dreieck hatte.[3]

1978 begann Kenia, die „Red Line“ von 1938 öffentlich und einseitig als internationale Grenze zwischen Kenia und dem Sudan zu betrachten.[3] Im Jahr 1986 begann Kenia, eine neue Karte zu verbreiten, die zum ersten Mal das Ilemi-Dreieck als integralen Bestandteil seines Territoriums darstellte. Seit den 1960er Jahren haben viele kenianische Karten die „Red Line“ als offizielle Grenze Kenias markiert, anstatt als gepunktete Grenze, wie sie es zuvor gewesen war. In jüngerer Zeit zeigen viele kenianische Karten die Patrouillenlinie von 1950, die nördlichste im Nordwesten, als Grenze. Es stellte sich die Frage, ob ein geheimes Abkommen zwischen Kenia und dem Sudan getroffen wurde, um Kenia die Verwaltung dieses Gebiets zu ermöglichen, im Gegenzug für die Unterstützung im sudanesischen Bürgerkrieg.[4] Das Ilemi-Dreieck wird seither vollständig von Kenia kontrolliert und zum Turkana County der Provinz Rift Valley (Divisionen Lokichoggio und Lokitaung) gerechnet. In den letzten Jahrzehnten ist die Lösung des Problems ins Stocken geraten, da die beteiligten Länder andere Prioritäten hatten. Die jüngste Entdeckung von Erdöl in der Region erschwert die Lösung weiter.[1] Mit der Unabhängigkeit des Südsudan im Jahr 2011 wurde der sudanesische Anspruch auf das Ilemi-Dreieck auf die südsudanesische Regierung in Juba übertragen.

Ilemi-Dreieck
Kenia
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Südsudan
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Äthiopien

Einzelnachweise

  1. Menas Associates: Menas Borders > analysis > conceptualising borders > Ilemi Triangle (Part One). 14. Juli 2011, abgerufen am 5. Januar 2023 (englisch).
  2. The Ilemi Triangle.pdf. In: www.history.ucsb.edu. University of California Santa Barbara, 11. April 2004, abgerufen am 5. Januar 2023 (englisch).
  3. Menas Associates: Consulting services including case studies > International border disputes > analysis > conceptualising borders > Ilemi Triangle (Part One). 13. Mai 2014, archiviert vom Original am 13. Mai 2014; abgerufen am 15. September 2022 (englisch).
  4. Robert O. Collins: Civil wars and revolution in the Sudan: essays on the Sudan, Southern Sudan and Darfur, 1962-2004. Tsehai, Hollywood, CA 2005, ISBN 0-9748198-6-7, S. 373 (englisch).
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