Kernenergie in Indien

Der staatlich betriebene Aufbau und Ausbau der Kernenergie in Indien begann in den 1950er Jahren. Seit 1974 ist Indien offizielle Atommacht. Es verfügt mit Agni über ein System selbst entwickelter Raketen mit einer Reichweite von 700 bis 10.000 Kilometern, die auch mit atomaren Sprengköpfen bestückt werden können. 2012 standen den strategischen Streitkräften (Strategic Forces Command) 84 Nuklearsprengköpfe auf Agni-Raketen zur Verfügung. 2021 wurde der Bestand der Sprengköpfe auf 160 beziffert.[1] Bis heute hat Indien den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet, verzichtet jedoch laut seiner Nukleardoktrin auf den nuklearen Erstschlag.

Eine Agni-II-Rakete während einer Parade im Jahre 2004

Liste der Kernkraftwerke in Indien

Liste der Kernkraftwerke in Indien (Quelle: IAEA, Stand: September 2022)[2]
Name Block
Reaktortyp Modell Status Netto-
leistung
in MWe
(Design)
Brutto-
leistung
in MWe
Therm.
Leistung
in MWt
Baubeginn Erste
Kritikalität
Erste Netzsyn-
chronisation
Kommer-
zieller Betrieb
(geplant)
Abschal-
tung
(geplant)
Einspeisung
in TWh
Kaiga1PHWRHPTT[IN 1]In Betrieb20222080101.09.198926.09.200012.10.200016.11.200028,63
2PHWRHPTTIn Betrieb20222080101.12.198924.09.199902.12.199916.03.200029,34
3PHWRHPTTIn Betrieb20222080030.03.200226.02.200711.04.200706.05.200718,82
4PHWRHPTTIn Betrieb20222080010.05.200227.11.201019.01.201120.01.201117,25
Kakrapar1PHWRHPTTIn Betrieb20222080101.12.198403.09.199224.11.199206.05.199329,61
2PHWRHPTTIn Betrieb20222080101.04.198508.01.199504.03.199501.09.199531,51
3PHWRPHWR-700Inbetriebnahme630700216622.11.201022.07.202010.01.2021
4PHWRPHWR-700In Bau630700216622.11.2010
Kudankulam1PWRVVER V-412In Betrieb932 (917)1000300031.03.200213.07.201322.10.201331.12.201435,13
2PWRVVER V-412In Betrieb932 (917)1000300004.07.200210.07.201629.08.201631.03.201723,66
3PWRVVER V-412In Bau9171000300029.06.2017
4PWRVVER V-412In Bau9171000300023.10.2017
5PWRVVER V-412In Bau9171000300029.06.2021
6PWRVVER V-412In Bau9171000300020.12.2021
Madras1PHWRHPTTIn Betrieb205 (202)22080101.01.197102.07.198323.07.198327.01.198431,49
2PHWRHPTTIn Betrieb205 (202)22080101.10.197212.08.198520.09.198521.03.198636,49
Narora1PHWRHPTTIn Betrieb20222080101.12.197612.03.198929.07.198901.01.199133,67
2PHWRHPTTIn Betrieb20222080101.11.197724.10.199105.01.199201.07.199233,27
PFBR1FBRPrototypeIn Bau470500125323.10.2004
Rajasthan1PHWRHPTTInaktiv[IN 2]90 (207)10034601.08.196511.08.197230.11.197216.12.197310,14
2PHWRHPTTIn Betrieb187 (207)20069301.04.196808.10.198001.11.198001.04.198136,70
3PHWRHPTTIn Betrieb20222080101.02.199024.12.199910.03.200001.06.200029,83
4PHWRHPTTIn Betrieb20222080101.10.199003.11.200017.11.200023.12.200030,34
5PHWRHPTTIn Betrieb20222080118.09.200224.11.200922.12.200904.02.201019,39
6PHWRHPTTIn Betrieb20222080120.01.200323.01.201028.03.201031.03.201016,82
7PHWRHPTTIn Bau630700217718.07.2011
8PHWRHPTTIn Bau630700217730.09.2011
Tarapur1BWRBWR-1[IN 3]In Betrieb150 (200)16053001.10.196401.02.196901.04.196928.10.196945,39
2BWRBWR-1[IN 3]In Betrieb150 (200)16053001.10.196428.02.196905.05.196928.10.196946,97
3PHWRHPTTIn Betrieb490 (502)540173012.05.200021.05.200615.06.200618.08.200651,74
4PHWRHPTTIn Betrieb490 (502)540173008.03.200006.03.200504.06.200512.09.200549,59
  1. Horizontal Pressure Tube type
  2. Seit dem 29.10.2004 in Long-term Shutdown.
  3. BWR-1 (Mark 2)

Liste der Kernreaktoren in Indien

Geschichte

Im Jahre 1948 wurde der Physiker Homi Jehangir Bhabha Leiter der neu gegründeten indischen Atomenergiekommission. Am 20. Januar 1957 wurde das Atomic Energy Establishment Trombay (AEET) vom damaligen indischen Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru gegründet und später in Bhabha Atomic Research Centre umbenannt.

Militärische Nutzung

Indische Nukleartests[3]
Datum Codename Ort Sprengkraft
(in 1000 Tonnen TNT)
18. Mai 1974Smiling BuddhaPokhran12
11. Mai 1998Shakti IPokhran43
11. Mai 1998Shakti IIPokhran12
13. Mai 1998Shakti IIIPokhran0,3
13. Mai 1998Shakti IVPokhran0,5
13. Mai 1998Shakti VPokhran0,2
13. Mai 1998Shakti VIPokhran(unbekannt)

Indien führte zwei Kernwaffentests durch, den ersten 1974 unter Indira Gandhi, den zweiten im Mai 1998 unter Atal Bihari Vajpayee. Die Atomtests im Mai 1998 wurden zwar stets mit dem Verweis auf die chinesische Bedrohung gerechtfertigt (siehe Indisch-Chinesischer Grenzkrieg), in erster Linie verfolgt Indien mit den Tests jedoch wohl eine internationale Statusaufwertung und versucht, eine Gleichrangigkeit mit China zu untermauern.[4] Alle Tests fanden als unterirdische Tests auf dem Versuchsgelände von Pokhran in der Wüste Thar in Rajasthan statt.[3]

Auf dem Versuchsgelände Chandipur im indischen Bundesland Orissa wurde am Samstag, den 25. August 2012 eine taktische Rakete mit einer Reichweite von 350 km gestartet. Sie erreichte ihr Ziel im Golf von Bengalen mit einer Genauigkeit von unter 10 Metern. Es handelte sich um den ersten erfolgreichen Test mit voller Nutzlast, allerdings ohne Sprengsatz. Die Rakete vom Typs Prithvi-II kann mit einem atomaren Sprengsatz bis 500 kg ausgerüstet, leicht über größere Entfernungen transportiert und vom Fahrzeug aus abgeschossen werden. So hat BrahMos, ein überschallschneller Flugkörper, der gemeinsam von russischen und indischen Unternehmen entwickelt wurde, ein Startgewicht von 3000 kg und eine Reichweite bis 300 km. Das Prithvi-Raketenprogramm wird seit 1983 von der indischen Regierung entwickelt. Taktische Raketen sind Angriffs- und Verteidigungswaffen, die auf dem Land nur die unmittelbaren Nachbarstaaten bedrohen.

Indien verfügt über ein reichhaltiges Arsenal von sogenannten strategischen Atomwaffen mit Reichweiten, die auch Osteuropa bedrohen können. Interkontinentalraketen befinden sich in der Entwicklung und könnten bis auf Südamerika und Teile Nordamerikas fast alle Länder der Welt erreichen. Indien gehört zu den wenigen Staaten, die den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet haben.

Friedliche Nutzung

Kernenergie in Indien (Indien)
Gorakhpur
Chutka
Kovvada
Bhimpur
Kavali
Mahi Banswara
Kaiga  
Kernreaktoren in Indien:
 Anlagen in Betrieb
 Anlagen in Bau
 Geplante Anlagen

Die ersten Kenntnisse über den Bau von Kernkraftwerken und auch Nuklearwaffen erwarben sich indische Nuklearphysiker und -techniker über den Technologietransfer aus Kanada und den Vereinigten Staaten. Im Jahr 1956 wurde durch Kanada ein erster experimenteller Reaktor zur zivilen Nutzung nach Indien geliefert. Der seit 1960 „kritische“ Reaktor lieferte in den folgenden Jahren auch das für den Bau der Atombombe benötigte Plutonium. Mit dem Bau des ersten Kernkraftwerks bei Rawatbata in Rajasthan wurde 1964 mit kanadischer Unterstützung begonnen. Kanada und die Vereinigten Staaten beendeten jedoch die Zusammenarbeit mit Indien auf dem Gebiet der Atomenergie nach der Explosion der ersten indischen Atombombe im Mai 1974.[5]

Indien ist heute einer der weltweit größten Produzenten von schwerem Wasser.[6] Es betreibt sieben Produktionsanlagen.[7] 22 der insgesamt 27 Kernreaktoren, von denen einige noch im Bau sind, werden mit schwerem Wasser als Moderator betrieben.[8]

Die Kernenergie hatte 2011 einen Anteil von etwa 3,7 % an der elektrischen Stromversorgung, dieser sank jedoch bis 2013 auf etwa 3,5 %. Im August 2012 befanden sich in Indien sechs Kernkraftwerke mit 21 Reaktorblöcken und einer installierten Bruttogesamtleistung von 5780 MW am Netz. Sechs weitere Reaktorblöcke mit einer Bruttogesamtleistung von 4300 MW sind im Bau.[9]

Ab März 2012 kam es zu Protesten gegen das Kernkraftwerk Kudankulam. Im August fand die erste öffentliche Anhörung zum Atomprogramm statt, während zugleich die Demonstrationen zunahmen, wobei sich schließlich rund 25.000 Menschen an der Südküste versammelten.[10] Dies verzögerte den Ausbau erheblich, so dass Anfang 2015 kein weiterer Fortschritt erkennbar war.

Da Indien den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet hat, sind zahlreiche Länder bei der Beteiligung an der Konstruktion sehr zurückhaltend. Bisher hat Indien zur friedlichen Nutzung der Kernenergie eine Zusammenarbeit mit Russland,[11] der Europäischen Union[12] und Kanada[13] vereinbart.

Siehe auch

Quellen

  1. Status of World Nuclear Forces. In: Federation Of American Scientists. Abgerufen am 29. Juli 2021 (amerikanisches Englisch).
  2. India. IAEA, abgerufen am 2. September 2022 (englisch).
  3. India's Nuclear Weapons Program: Operation Shakti: 1998. nuclearweaponarchive.org, 30. Mai 2001, abgerufen am 29. Januar 2015 (englisch).
  4. spiegel.de: Indien befeuert Wettrüsten in Asien
  5. David Martin: Exporting Disaster – The Cost of Selling CANDU Reactors. Nuclear Awareness Project for the Campaign for Nuclear Phaseout, November 1996, abgerufen am 27. Februar 2015 (englisch, Abschnitt 3.2).
  6. Heavy Water Board (HWB) (Memento vom 3. März 2015 im Internet Archive), offizielle Webseite (englisch).
  7. hwb.gov.in
  8. Statistik der IAEO, abgerufen am 25. Januar 2015 (englisch).
  9. Elektrische Energie-Erzeugung lt. Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO)
  10. bbc.com
  11. „Russia Agrees India Nuclear Deal“, BBC News 11. Februar 2009
  12. Strategische Partnerschaft EU-Indien. Zusammenfassung der Gesetzgebung. In: EUR-Lex. Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, 8. April 2008, abgerufen am 27. Oktober 2021.
  13. Curry, B. (27. Juni 2010), Canada Signs Nuclear Deal with India, The Globe and Mail
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