Individualfeminismus
Der Individualfeminismus ist eine Strömung des Feminismus, welche individuelle Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Gleichberechtigung der Geschlechter befürwortet.[1] Er stellt die Anwendung des Individualismus auf feministische Fragestellungen dar und ist politisch vor allem im Klassischen Liberalismus und Libertarismus, jedoch auch im Linksliberalismus und Konservatismus vertreten. Er lässt sich vom Radikalfeminismus, Gynozentrismus, Marxistischen Feminismus und vom Antifeminismus abgrenzen.[2]

Theoretische Grundlagen

Der Individualfeminismus basiert auf Überlegungen des First-Wave, Second-Wave und ferner auch Fourth-Wave-Feminismus, grenzt sich jedoch selbst vom Third-Wave-Feminismus ab, der als "Genderfeminismus (engl. gender feminism) bezeichnet wird. Obwohl Individualfeministen, anders als Radikalfeministen nicht an sich transexklusiv ist, lehnen sie queerfeministische Identitätspolitik ab.[3]
Erste These des Individualfeminismus ist das Verständnis der Frau als autonomes Individuum, das sich selbst frei entfalten kann. In der ethischen und sozialphilosophischen Bewertung der Frau spielt ihr Geschlecht keine oder nur eine untergeordnete Rolle und steht dabei hinter ideellen Maßstäben wie individuelle Persönlichkeit, Fähigkeit und Intellekt.[1] Damit ist der Individualfeminismus von Vulnerabilitätsthesen, wie bei Martha Nussbaum abzugrenzen.[4] Er ähnelt dabei stark dem Autonomieanspruch des Anarchafeminismus, ist im Gegensatz zu diesem jedoch nicht antikapitalistisch und teilweise sogar dezidiert wirtschaftsliberal.
Der Individualfeminismus wird als sogenannter "Gerechtigkeitsfeminismus" (engl. equity feminism) angesehen, er im Kontrast zu einem "Gleichheitsfeminismus" (engl. equality feminism) steht. Er befürwortet Gleichberechtigung und Chancengleichheit, lehnt Ergebnisgleichheit jedoch ab, da diese die Selbstbestimmung und Selbstverantwortung einschränke.[5] Wenn freie Individuen unabhängig des Geschlechts unterschiedliche Entscheidungen treffen, so entstehen unterschiedliche Ergebnis unabhängig des Geschlechts.
Individualfeministen gehören in die Kategorie der sex-positiven Feministen. Sexualität ist ein wichtiger Ausdruck von Selbstentfaltung, wobei der Individualfeminismus eindeutig der Idee der freien Liebe.[6] Im Unterschied zu den meisten Feminismen sieht dieser auch kommerzielle Formen der Sexualität wie Prostitution, Pornografie und Sextourismus als feministische oder teilweise sogar als feminismusfördernde Sphären.[7]
Der Individualfeminismus steht dabei hinter keinem Schönheitsideal, sondern propagiert einen stark subjektivistischen Ansatz von Schönheit.[8] Gleichzeitig lehnt er auch einen rein naturalistischen oder primitivistischen Ansatz ab. Äußerliche Veränderungsmethoden von Frauen wie Schminke, Tattoos, Piercings oder gar Schönheitsoperationen hält er im Rahmen des Feminismus für legitim und befürwortet sie im Rahmen der Selbstentfaltung.[9]
Die individualfeministische Theorie lässt sich mit der Idee der Geschlechtsidentität vereinbaren. Es werden biologistische Ansätze oder Ansätze der Matrilokalität des transexklusiven Radikalfeminismus abgelehnt.
Geografisches Vorkommen
USA

Der Individualfeminismus hat seinen Ursprung in den libertären Strömungen der USA, welche in der Libertarian Party und der Republican Party vertreten werden.
Die Tradition lässt sich auf die ersten Feministinnen des 18. Jahrhunderts, wie Olympe de Gouges oder Mary Wollstonecraft und die First-Wave-Feministen des 19. Jahrhunderts, wie John Stuart Mill oder Harriet Taylor Mill zurückverfolgen. Der moderne Individualfeminismus entstand zu Beginn der 1990er Jahren. Eine der ersten Publikationen ist Reclaiming the Mainstream: Individualist Feminism Rediscovered aus dem Jahr 1992 von Joan Kennedy Taylor (1926–2005). Sie engagierte sich in der Libertarian Party und gründete die Association of Libertarian Feminists und die Feminists for Free Expression. Ihr Vorbild dabei war Ayn Rand.[10]
1994 erschien Christina Hoff Sommers Who Stole Feminism? How Women Have Betrayed Women, in welche sie sich gegen den ihrer Meinung nach vorherrschenden Genderfeminismus ausspricht. Als Gegenentwurf bietet sie einen Gerechtigkeitsfeminismus an, der oft mit dem Individualfeminismus Taylors identifiziert wurde.[11] Gleichzeitig griff sie jedoch auch die Errungenschaften und die Thesen des Feminismus an sich an und rechtfertigt klassische Rollenbilder in einem polemischen Rechtspopulismus. Deshalb wird sie in jüngeren Zeiten eher dem Antifeminismus zugeordnet.[12]

Wendy McElroy brachte 1995 die Idee des Sexpositivsmus ein und verband Thesen der freien Liebe mit Thesen des Anarchokapitalismus in Verbindung und schrieb damit XXX: A Women’s Right to Pornography. Dadurch verwendeten viele Pornodarstellerin den Individualfeminismus politische Rechtfertigung und Anschluss zum Feminismus. Bekanntes Beispiel dafür ist Tyffany Million, welche sich 1996 zum Individualfeminismus und zur Libertarian Party bekannte.[13] Im selben Jahr veröffentlichte Rene Denfield The New Victorians. A Young Woman's Challenge to the Old Feminist Order in dem die Autorin eine Verbindung vom modernen Individualfeminismus zum First-Wave-Feminismus zieht.
Im 21. Jahrhundert entwickelte sich der Individualfeminismus zu einem Randphänomen in den USA. In den politischen Parteien findet sich nur in der Libertarian Party eine größere Gruppierung, in der Republican Party ist es eine absolute Minderheitsmeinung. Die Kandidatur von Jo Jorgensen in der Präsidentschaftswahl 2020 kann als ein jüngeres Beispiel für ein Aufflammen des Individualfeminismus gesehen werden.
Deutschsprachiger Raum

In Deutschland gründete sich 1990 die FDP-Vorfeldorganisation Liberale Frauen um die Politikerin Irmgard Schwaetzer. Obwohl sie in ihren Gründungsstatuten von Gleichstellung spricht, möchte sie diese über individuelle Bildung und Toleranz erreichen, was einem individualfeministischen Ansatz entspricht.[14] Heute vertreten die FDP und die Jungen Liberalen grundsätzliche individualfeministische Ansätze. Als Beitrag dazu kann das Female Future Forum gesehen werden, dass um die liberale Abgeordnete Ria Schröder gegründet.[15]

Im deutschsprachigen Raum verwirklicht sich der Individualfeminismus auch im Rahmen der feministischen Pornografie. Die Pornographin, Schauspielerin und Aktivistin Paulita Pappel setzt sich in ihrem Werk für eine individualisierende Darstellung der Frau in Pornografie ein.[16] In Österreich ist die Opernsängerin und Pornoregisseurin Adrineh Simonian ein Beispiel dafür.
Im Gegensatz zu den USA ist der deutschsprachige Individualfeminismus weniger publizistisch. Individualfeministische Beiträge werden zu meist über Internetplattformen, wie Blogs oder Podcasts. Die Influencerin, Autorin und Journalistin Marie von den Benken schreibt über Mode und Ästhetik im individualfemiministischen Kontext auf ihrem eigenen Blog. Die Fernsehmoderatorin, Schauspielerin und Synchronsprecherin Janin Ullmann betreibt einen Podcast mit dem Titel "Female Finance", welcher sich um die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen dreht.[17] Ein wiederkehrendes Motiv des Individualfeminismus.
.jpg.webp)
Als Beispiel für eine deutschsprachige Publikation lässt sich das 2022 erschienene Buch Who Cares! Von der Freiheit, Frau zu sein der deutschen Schriftstellerin und Journalistin Mirna Funk anbringen. In diesem beschreibt sie anhand persönlicher Anekdoten eine Philosophie weiblicher Autonomie und richtet sich gegen das, was sie Reihenhausfeminismus nennt.[18] Damit wurde sie zur vorgründigen Figur des deutschen Individualfemnismus.
Großbritannien

In Großbritannien hat der Individualfeminismus ein eher linken Einschlag und ist mit der Bewegung des Fourth-Wave-Feminismus verbunden. Größeren öffentlichen Fokus bekamen individualfemistische Positionen im Jahr 2017, als die Schauspielerin und Aktivistin Emma Watson im Zuge von freizügigen Fotos auf dem Cover der Zeitschrift Vanity Fair von vielen postmodernen Feministen kritisiert wurde. Ihre Entgegnung darauf war, dass es beim Feminismus um „Freiheit und Gleichberechtigung“ gehe und sie nicht wisse, was ihre „Titten damit zu tun hätten“.[19] Damit ordnete sie sich in den Individualfeminismus ein.
Die Schauspielerin Emma Thompson bezeichnet sich ebenfalls als liberal und feministisch und ist Mitglied des linksliberalen Flügels der Labour Party.[20] Sie steht in ihren Positionen ihrer Schauspielkollegin Emma Watson nah.

In Großbritannien drückt sich, ähnlich wie in Deutschland, der Individualfeminismus auch über feministische Pornografie aus. Die Pornoregisseurin und Politikerin der Liberal Democrats Anna Span ist ein Beispiel dafür.[21][22]
Skandinavien

In Skandinavien popularisierte sich der Individualfeminismus durch erstmalig durch die feministische Pornografie der schwedischen Regisseurin und Autorin Erika Lust.[23] Seit 2013 betreibt diese die Platform XConfessions, auf der User Geständnisse über ihren sexuellen Vorlieben machen können, wovon ausgewählte von Lust verfilmt werden. Dadurch soll eine Individualisierung von Pornodarstellungen entstehen.[24]
Ähnlich wie Emma Watson erging es dem dänische Model und Publizistin der klassisch-liberalen Liberal Alliance Nikita Klaestrup. Im Jahr 2015 erregte sie Aufmerksamkeit, da sie auf einer Veranstaltung der jungen Konservativen in einem Kleid mit tiefausgeschnittenem Dekolleté auftrat. Man warf ihr daraufhin vor, nur aus Brüsten und nicht aus Politik zu bestehen. Sie begründete ihr Auftreten individualfeministisch darin, dass sie die „Endstufe des Feminismus“ darstelle, bei der jede Frau machen könne, was immer sie wolle.[25] Klaestrup wurde damit zum Gesicht des Individualfemismus in Dänemark
In Finnland kritisierte die Philosophin Mari Mikkola die vorhandene feministische Philosophie und stellte ihr ein individualfeministisches Modell entgegen.[26] Sie ist Mitbegründerin des Society for Women in Philosophy Germany – Verein zur Förderung von Frauen in der Philosophie und schreibt auch über feministische Pornografie.
Werke des Individualfeminismus (Auswahl)
- Denfield, Rene: The New Victorians. A Young Woman's Challenge to the Old Feminist Order. Erie 1996. ISBN 978-0-446-51752-2
- Funk, Mirna: Who Cares! Von der Freiheit, Frau zu sein. München 2022. ISBN 978-3-423-44108-7
- Lust, Erika; Pagant, Anita: Six Female Voices: Erotic and Photographic Tales with Antia Pagant. Booqs Publishers Verlag 2011. ISBN 978-94-90822-17-0
- McElroy, Wendy: Liberty for Women. Freedom and Feminism in the Twenty-First Century. Chicago 2002. ISBN 978-1-56663-435-9
- Mikkola, Mari: The Wrong of Injustice. Dehumanization and its Role in Feminist Philosophy. Oxford 2016. ISBN 978-0-19-060108-9
- Mikkola, Mari: Pornography. A Philosophical Introduction. Oxford 2019, ISBN 978-0-19-064006-4.
- Paige, Camilla: Free Women, Free Men. Sex, Gender, Feminism. New York City 2017. ISBN 978-0-375-42477-9
- Schwaetzer, Irmgard (Hrsg.): Die liberale Frauenbewegung. Lebensbilder. Berlin 2007, ISBN 978-3-920590-20-2
- Taylor, Joan Kennedy: Reclaiming the Mainstream. Individualist Feminism Rediscovered. New York City 1992. ISBN 978-0-87975-717-5
- Taylor, Joan Kennedy: What to Do When You Don't Want to Call the Cops. A Non-Adversarial Approach to Sexual Harassment. New York City 1999. ISBN 978-0-8147-8232-3
Einzelnachweise
- Amy R. Baehr, Edward N. Zalta: Liberal Feminism. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy. 2018, abgerufen am 1. Oktober 2019 (englisch).
- Bill Winter: Tyffany Million - Friend of Liberty 2005, abgerufen am 28. Dezember 2022. Zitat: "Million said she was disappointed that many "so-called 'Republicans' have gotten off the track of the original Republican platform" and seem to think "that they know what's best for women and their bodies" -- a view that is sharply at odds with her "individualist feminist" philosophy. 'A feminist is one who fights for the right of women to question their traditional roles, in order for each and every individual woman to live her life as she sees fit, within the boundaries of not interfering with other's rights to live their lives as they see fit,' she explained. 'The Republican Party could learn a lot from individualist feminists like myself.'"
- About ALF - The Association of Libertarian Feminists. (Nicht mehr online verfügbar.) In: alf.org. Association of Libertarian Feminists, archiviert vom Original am 28. August 2009; abgerufen am 14. Januar 2023 (englisch).
- Funk: Who Cares, S. 10.
- Feministin Christina Hoff Sommers: «Die USA sind kein frauenfeindliches Land». Abgerufen am 29. Januar 2021.
- James Reed: The Birth Control Movement and American Society. Princeton University Press, 1984, ISBN 1-4008-5659-0, doi:10.1515/9781400856596 (englisch).
- Mirna Funk: Was du als junge Frau über Sex wissen solltest 2021, abgerufen am 28. Dezember 2022.
- Marie von den Benken: Schönheit ist ein Biest 26. Juli 2022, abgerufen am 27. Dezember 2022. Zitat: "Schönheit ist etwas sehr Persönliches. Jeder sollte seine ganz eigene Schönheit finden, die er letztendlich vor niemandem verteidigen oder erklären muss, als ausschließlich vor sich selber. Findest Du dich schön, dann bist Du schön. Niemand hat das Recht, Dir ungefragt zu erklären, was Du ändern solltest oder was schön ist oder nicht."
- Funk: Who Cares, S. 94–95.
- Pegolotti: Deems Taylor, S. 317–318.
- Sommers: Who Stole Feminism? S. 21
- Flood, Michael: Backlash: Angry men’s movements in: Rossi, Staceay E.: The Battle and Backlash rage on. 2004, XLibris Corp., ISBN 1-4134-5934-X, S. 273 (Backlash: Angry men’s movements (Memento vom 26. September 2007 im Internet Archive))
- Bill Winter: Tyffany Million - Friend of Liberty 2005, abgerufen am 28. Dezember 2022.
- Dagmar Biegler: Frauenverbände in Deutschland: Entwicklung Strukturen Politische Einbindung, Band 139 von Forschung Politik, 2013, ISBN 978-3-322-97540-9, S. 107–109, online
- Friedrich-Naumann-Stiftung: Ria Schröder: "Verantwortung für sich selbst und andere übernehmen" 17. Januar 2019, abgerufen am 1. Januar 2023
- WELT: Pornografie: Können Pornos auch Positives bewirken? In: DIE WELT. 17. Januar 2020 (Online [abgerufen am 29. September 2020]).
- Lena Herrmann: Podcast-Launch:Janin Ullmann moderiert den Finanzpodcast "Female Finance" 13. Januar 2022, abgerufen am 11. Januar 2023
- Helen Roth: „Who Cares! Von der Freiheit, eine Frau zu sein“ — Mirna Funk wettert gegen den Mainstream-Feminismus 18. Mai 2022, abgerufen am 11. Januar 2023
- Promiflash: Nach Nackt-Kritik: Emma Watson mit supertiefem Ausschnitt! 7. März 2017, abgerufen am 14. Januar 2023
- Emma Thompson: Letters: Emma Thompson 'I do not want to die before closing the pay gap'. (Nicht mehr online verfügbar.) In: The Guardian. 2. Mai 2016, archiviert vom Original am 3. Mai 2016; abgerufen am 4. Mai 2016 (englisch).
- Anna Arrowsmith: About Anna. annaarrowsmith.com, abgerufen am 7. Februar 2020 (englisch).
- Female porn director to fight Parliament seat in Kent. BBC News, 12. März 2010, abgerufen am 7. Februar 2020 (englisch).
- Porno-Regisseurin Erika Lust: Frauen sind keine Accessoires. In: cafebabel.de. 4. Mai 2012, abgerufen am 10. März 2017.
- Girls Rule at the Porn Film Festival Berlin – ERIKA LUST. In: ERIKA LUST. Abgerufen am 7. April 2016 (amerikanisches Englisch).
- Aufregung um Nikita Klæstrup: Sexy Dänen-Politikerin gesteht: „Ich habe keine einzige Hose“. In: Focus Online. 16. März 2015, abgerufen am 9. Oktober 2017.
- Rewiew: Natalie Stoljar: Mari Mikkola, The Wrong of Injustice: Dehumanization and Its Role in Feminist Philosophy. In: Ethics 128, Nr. 2 (Januar 2018) S. 483–487. doi:10.1086/694282