Neutestamentliche Bibelwissenschaft
Die Neutestamentliche Bibelwissenschaft der 2. Teil der Bibelwissenschaft und unterteilt sich ihrerseits wiederum in mehrere Teildisziplinen. Zur neutestamentlichen Bibelwissenschaft gehört zum einen eine Anwendung feststehender Schriftwahrheit, wie sie der rabbinischen Hermeneutik entspricht. Zum anderen gehört dazu aber auch die gleichzeitige Beurteilung von Wahrheit und Geltung der so entstehenden Auslegung. Dabei steht die ntl. Bibelwissenschaft in einem Spannungsfeld von Geist und Buchstabe.(2. Kor. 3 ) Während der gesetzlich verstandene Buchstabe tötet, entdeckt eine am Geist orientierte Auslegung im Evangelium eine Kraft, die am Menschen Wirkt.[1]
Geschichte
Die Geschichte der Bibelwissenschaft ist auch in Bezug auf das Neue Testament von Bedeutung, wo Exegese eine Forschung, die ja stattgefunden hat, nicht einfach ignorieren kann. Zu einem nicht wegzudiskutierenden Bestandteil der Forschungsgeschichte gehört der sog. Neuprotestantismus. Und das Aufkommen der Historisch-kritische Methode darf man als entscheidenden Wesenszug desselben bezeichnen.[2] Nun könnten Anfänge neutestamentlicher Wissenschaft mit der Herausbildung ihrer Einzeldisziplinen in das 18. Jahrhundert verortet werden. Doch wurde bereits in der Urkirche bibelwissenschaftlich gearbeitet.[3] Unter einem Wissenschaftlichen Umgang mit der Bibel könnte man jenen nach dem methodisches Prinzip des Zweifels und der Suspendierung der Autorität der Tradition verstehen. In diesem Fall dürfte man von Bibelwissenschaft erst nach der Aufklärung sprechen.[4] Doch ist Bibelwissenschaft gerade auch da bereits vorhanden, wo nach bestimmten erkenntnistheoretischen, oder hermeneutischen Regeln die Bibel methodisch ausgelegt wird. Und dies beginnt bereits im Alten Testament und setzt sich im Urchristentum fort.[1]
Teildisziplinen
Textkritik und Textgeschichte des neuen Testaments
Die Gewinnung einer gesicherte Textgrundlage steht in engster Verbindung mit der Entwicklung der neutestamentlichen Wissenschaft.[5] Hierzu gehört die Textkritik des Neuen Testaments und die Erforschung der Textgeschichte des Neuen Testaments. Hierauf geht z. B. die Zweiquellentheorie zurück, die breite Anerkennung erfährt, da sie die meisten Textphänomene auf einfache und elegante Art erklären kann.[6]
Einleitungswissenschaften
In der Aufklärung wurde begonnen, Einleitungswissenschaft, bzw. Neutestamentliche Literaturgeschichte zu betreiben, um die Zeitbedingtheit der neutestamentlichen Bücher zu erweisen.[7] Der Begriff Einleitung ist hier nur terminus technicus.[8] Kern dieser Wissenschaft ist hingegen die Erforschung der Entstehungsverhältnisse der neutestamentlichen Schriften.[9] Sie bildet den zweiten wichtigen Bereich der ntl. Wissenschaft.[10]
Zeitgeschichte
Die Geschichte des Urchristentums ist eng mit der Entstehungsgeschichte des NT verbunden. Doch ist ihre Rekonstruktion zusammen mit der Erforschung des irdischen Lebens Jesu Christi zwingend eine eigene Einzeldisziplin.[11]
Theologie
Die Biblische Theologie des Neuen Testaments als Konsequenz aus den drei vorgenannten ist die vierte Einzeldisziplin, die sich im 18. Jahrhundert herausgebildet hat. Sie ist das Ergebnis hermeneutischer Bemühungen.[12]
Praxis an deutschen Hochschulen
Neutestamentliche Fachwissenschaftler (Neutestamentler) arbeiten im deutschen Sprachraum größtenteils an evangelischen und katholischen theologischen Fakultäten. Üblicherweise hat jede Theologische Fakultät mindestens einen Lehrstuhl für Neues Testament. An katholischen Fakultäten unterrichteten Gelehrte mit Priesterweihe. Wer als evangelischer Theologe zum Katholizismus konvertierte, erlitt wegen der ihm fehlenden Priesterweihe einen „Karriere-Knick“ (etwa der 1953 konvertierende Heinrich Schlier). Erst 1973 wurde Norbert Brox als „Laie“ Professor in Regensburg.[13] Im katholischen Bereich wurden manche Priester armer Herkunft zu neutestamentlichen Forschern; im evangelischen Bereich waren die Neutestamentler oft Söhne von Pfarrern oder Lehrern.[14] Nur ausnahmsweise wurden Neutestamentler ohne Habilitation Universitätsprofessoren. So wurde Werner Georg Kümmel 1932 mit knapp 27 Jahren zum außerordentlichen Professor an die Universität Zürich berufen.
In einigen Punkten existiert innerhalb der Kirche (je nach Denomination) eine verbindliche Lehrmeinung. Theologen dieser Kirche sind selbstredend an diese Lehrmeinung gebunden. 1952 sprach die Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche Rudolf Bultmann das Recht ab, lutherischer Theologe zu sein; das wurde 1973 zurückgenommen.[15] Die Einengung durch kirchliche Vorgaben war im katholischen Bereich noch deutlich größer, vor allem bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Die ursprünglich eher konservative NT-Einleitung von Alfred Wikenhauser wurde in der 1973 von Josef Schmid überarbeiteten 6. Auflage stärker dem historisch-kritischen Trend angenähert.
Literatur
- Ebeling 1950 – Gerhard Ebeling: Die Bedeutung der historisch-kritischen Methode für die protestantische Theologie und Kirche. In: Albrecht Beutel (Hrsg.): Zeitschrift für Theologie und Kirche, Band 47.1. Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 1950, ISSN 0044-3549, DNB 011135557, JSTOR 23584165. (wd).
- Kümmel 1982 – Hans-Jürgen Zobel, Werner Georg Kümmel: Einleitungswissenschaft. In: Gerhard Müller (Hrsg.): Dionysius Exiguus - Episkopalismus (= Theologische Realenzyklopädie, Band 9). Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York 1982, ISBN 978-3-11-008573-0 (ungült.), doi:10.1515/TRE, S. 471-482. (online unter degruyter.com, wd).
- Merk 1980 – Volkmar Fritz, John W. Rogerson, Bernd Jörg Diebner, Otto Merk: Bibelwissenschaft. In: Bibel - Böhmen und Mähren (= Theologische Realenzyklopädie, Band 6). Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York 1980, ISBN 978-3-11-008115-2, doi:10.1515/TRE, S. 375-409. (online unter degruyter.com, wd).
- Weder 1998 – Hans Weder, Eckart Otto: Bibelwissenschaft, 4. Auflage. In: Hans Dieter Betz, Don S. Browning, Bernd Janowski, Eberhard Jüngel (Hrsg.): A-B (= Religion in Geschichte und Gegenwart, Band 1). Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 1998, ISBN 3-16-146941-0 (ungült.), doi:10.1163/2405-8262_RGG4_COM_02012, Spalte 1529-1538. (wd).
Einzelnachweise
- Weder 1998, Sp. 1529.
- Ebeling 1950, S. 1f.
- Merk 1980, S. 375.
- Ebeling 1950, passim.
- Merk 1980, Abschnitt 6.2, S. 381 f.
- Weder 1998, Abschnitt 6, Sp. 1534.
- Weder 1998, Abschnitt 5, Sp. 1533.
- Hans-Jürgen Zobel: Einleitungswissenschaft. In: Gerhard Müller (Hrsg.): Dionysius Exiguus - Episkopalismus (= Theologische Realenzyklopädie, Band 9). Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York 1982, ISBN 978-3-11-008573-0 (ungült.), doi:10.1515/TRE, S. 460 f. (online unter degruyter.com, wd).
- Kümmel 1982, S. 472.
- Merk 1980, Abschnitt 6.3, S. 382.
- Merk 1980, Abschnitt 6.4, S. 382.
- Merk 1980, Abschnitt 6.5, S. 382.
- Breytenbach, Hoppe: Neutestamentliche Wissenschaft, 2008, S. 402.
- So Franz Graf-Stuhlhofer in seiner Rezension des Buches von Breytenbach, Hoppe: Neutestamentliche Wissenschaft, 2008; in Jahrbuch für Evangelikale Theologie 23, 2009, S. 298–301. In jenem Buch geht es um insgesamt 28 Neutestamentler, die in der Mitte und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aktiv waren.
- Breytenbach, Hoppe: Neutestamentliche Wissenschaft, 2008, S. 7 ff.