Possehl-Stiftung
Die Possehl-Stiftung entstand 1919 aus dem Nachlass Emil Possehls mit dem Stiftungszweck, die öffentliche Wohlfahrt Lübecks, deren deutsch-patriotischen Geist sowie deren Jugend zu fördern.


Geschichte
Während Emil Possehl im hamburgischen Gefängnis auf seinen Landesverratsprozess wartete, legte er die Stiftungsgründung testamentarisch fest. Nach seinem Tode wurde sie, was per Senatsdekret vom 17. Mai 1919 rechtskräftig war, alleinige Gesellschafterin der Firma L. Possehl & Co.
Die erste Sitzung der Stiftung fand am 11. Juni 1919 in Possehls Haus in der Musterbahn statt. Den Vorsitz führte bis 1928 Julius Vermehren. Seine Anwesenheit und die der anderen Mitglieder hatte Possehl testamentarisch[1] festgelegt. Die Grundzüge der hier verabschiedeten Satzung waren zuvor vom Stifter bereits erarbeitet worden. In § 13 werden die Stiftungsaufgaben präzisiert:[2]
- zur Erhaltung und Ausgestaltung des schönen Bildes der Stadt und ihrer öffentlichen Anlagen
- zur Unterstützung gemeinnütziger Unternehmungen, insbesondere soweit sie auf Ertüchtigung und Ausbildung der Jugend hinwirken
- zu Pflege von Kunst und Wissenschaft
- zur Unterstützung von Handel, Schifffahrt und Industrie und Gewerbe, insbesondere zu werbenden Zwecken und nicht minder zur kaufmännischen, seemännischen, industriellen und gewerblichen Ausbildung der Jugend
- zur Förderung der Volkswohlfahrt, vor allem zur Fürsorge für die Invaliden des gegenwärtigen Krieges, auch der früheren und künftigen Feldzüge, sowie für Hinterbliebene gefallener oder infolge im Krieg erworbener Wunden und Leiden erlegener Krieger
Die Inflation minderte den Wert der zu Verfügung gestellten 1,5 Millionen Mark beträchtlich, und es dauerte drei Jahre, bis die Stiftung diesen Aufgaben nachkommen konnte. Die zweite Ausschüttung erfolgte erst wieder 1927. Wie die bis 1934 aufgebrachten Zuwendungen wurde sie vor allem für soziale Zwecke genutzt.
Ab 1929 war die Stiftung als Muttergesellschaft des Konzerns tätig, und aus dem einstigen Handelshaus wurde ein sich in Handel und Produktion engagierender Mischkonzern.
Nach der Gleichschaltung der Stiftung forderte der Senat im September 1933 die Umbesetzung des Stiftungsrats. Die bisherige Satzung wurde unter Hans Böhmcker, dem neuen Vorsitzenden der Stiftung, im August 1934 revidiert. Es entfiel die Ergänzung der Ausschüsse und des Vorstandes durch Wahlverfahren. Sämtliche Gremien wurden reduziert und deren Mitglieder fortan „berufen“.
Die Stiftung hatte ihre Eigenständigkeit verloren. Seit 1937 berief der Bürgermeister den Vorstand, und nach dem Groß-Hamburg-Gesetz lag die Stiftungsaufsicht beim Regierungspräsidenten in Schleswig.
Die Stiftungsgelder flossen seitdem in die Kassen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) oder des WHWs. Mit Mitteln der Stiftung wurde 1937 die Possehl-Siedlung für „treue Volksgenossen“ begonnen.
In der Nachkriegszeit unterstützte die Stiftung vor allem Wohlfahrtsverbände.[3] In den 1960er Jahren finanzierte sie neben der Jugendarbeit von Sportvereinen auch den Bau eines Bezirksjugendheimes, die Einrichtung des Christlichen Jugenddorfwerkes und die Fertigstellung zweier Studentenwohnheime. Der Possehl-Musikpreis wurde 1962 auf kulturellem Gebiet ins Leben gerufen und 1963 erstmals vergeben.[4]

Die Aktivitäten reichen seitdem von der Förderung eines Kindertanztheaters bis zur Finanzierung der Präparation eines Walskeletts, von der Übernahme der Druckkosten für die Zeitschrift für Lübeckische Geschichte bis zur Schenkung von Plastiken (wie 1990 den bronzenen Seehund von Christa Baumgärtel) im öffentlichen Raum. Man ermöglichte Ankäufe von Museen, den Bau eines Wohnheims der Bundesvereinigung Lebenshilfe (1979) oder Die Brücke (1993). Kaufmannshäuser wurden erworben. Die Stiftung beteiligte sich am Bau der Musik- und Kongresshalle und finanzierte auch das auf deren Dach stehende ehemalige documenta-Exponat Die Fremden von Thomas Schütte.
Für ihre Verdienste im Wiederaufbau und der Sanierung der Stadt erhielt die Possehl-Stiftung 1979 vom Nationalkomitee für Denkmalschutz den Deutschen Preis für Denkmalschutz. Anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens wurde die Stiftung im Jahr 2019 für ihre „außerordentlichen Verdienste für das Gemeinwesen der Stadt“ mit der höchsten Auszeichnung der Hansestadt Lübeck, der Gedenkmünze Bene Merenti, ausgezeichnet.[5]
Bisher wohl größtes Fördergeschenk an die Stadt Lübeck war die Kunsthalle St. Annen als Anbau an das St.-Annen-Kloster unter Einbeziehung der verbliebenen Bausubstanz der ehemaligen St.-Annen-Kirche. Als eigene Projekte betreibt die Stiftung das Europäische Hansemuseum und das Theaterfigurenmuseum Lübeck.
Seit Januar 2016 ist der Unternehmer Max Schön als Nachfolger der Apothekerin Renate Menken Vorsitzender des Vorstands der Stiftung.
Zwecke der Stiftung (heute)

Die gemeinnützigen Zwecke und Ziele der Possehl-Stiftung sind in der Satzung festgeschrieben:
- Verschönerung der Stadt Lübeck und ihrer öffentlichen Anlagen
- Unterstützung gemeinnütziger städtischer Einrichtungen, insbesondere solcher, die sich der Jugendförderung widmen
- Förderung von Kunst und Wissenschaft
- Förderung von Handel, Schifffahrt, Industrie und Gewerbe zur Ausbildung Jugendlicher
- Förderung der Wohlfahrt, insbesondere für Kriegsinvaliden und -hinterbliebene
Die Ziele der Stiftung sind unter Berücksichtigung der heutigen Kriterien für Gemeinnützigkeit im Wesentlichen unverändert geblieben.
Possehl-Musikpreis
Gemeinsam mit der Musikhochschule Lübeck vergibt die Stiftung seit 1963 jährlich den Possehl-Musikpreis. Er wird an besonders herausragende Musikerinnen und Musiker vergeben, die in Lübeck an der Musikhochschule studieren. Zu den bisherigen Preisträgern zählen die Klarinettistin Shirley Brill und die Geigerin Sinn Yang. 2019 vergab die Stiftung erstmals zusätzlich einen Possehl-Musikpreis in der Kategorie „Neue musikalische Aufführungskonzepte“.[4]
Possehl-Ingenieurpreis
Seit 1983 zeichnet die Stiftung Absolventen der Technischen Hochschule Lübeck für hervorragende Abschlussarbeiten mit dem Possehl-Ingenieurpreis aus. Er ist mit 5000 Euro dotiert und umfasst auch Förderprämien mit 2500 Euro.[6]
Possehl-Preis für Internationale Kunst
Seit 2019 vergibt eine Jury alle drei Jahre den Possehl-Preis für Internationale Kunst. Er ist mit 25.000 Euro dotiert und umfasst zudem die Ausrichtung einer Ausstellung in Lübeck. Ausgezeichnet werden Künstler mit nationalem und internationalem Renommee für ihr Lebenswerk oder für eine herausragende Arbeit oder eine Werkgruppe.[7]
- Preisträger
- 2019: Doris Salcedo
- 2022: Matt Mullican
Literatur
- Jan-Jasper Fast: Vom Handwerker zum Unternehmer. Die Lübecker Familie Possehl. Schmidt-Römhild, Lübeck 2000, ISBN 3-7950-0471-3.
- Axel Schildt: Possehl: Geschichte und Charakter einer Stiftung. München: Haufe Lexware 2019 ISBN 978-3-648-13340-8
Weblinks
- Possehl-Stiftung
- So viele Millionen: Wie die Possehl-Stiftung zu Geld kommt. Lübecker Nachrichten, 11. April 2015.
Einzelnachweise
- Possehl Stiftung: Das Testament Emil Possehls, abgerufen am 11. Mai 2022 (PDF; 407 kB).
- Helmuth Niendorf: Geschichte des Handelshauses Possehl 1847–1919, Max Schmidt-Römhild, Lübeck 1962, S. 160.
- Doris Mührenberg: Meiner geliebten Vaterstadt. 75 Jahre Possehl-Stiftung 1919–1994, Verlag Schmidt-Römhild, Lübeck 1994
- Possehl-Musikpreis
- Possehl-Stiftung bekommt Ehrendenkmünze der Hansestadt. In: LN Online. Abgerufen am 18. Dezember 2019.
- Possehl-Preis für die Digitalisierung in Krankenhäusern. In: hl-live.de. 14. Dezember 2021, abgerufen am 30. Mai 2022.
- Regine Ley: Matt Mullican erhält den Possehl-Preis für Internationale Kunst 2022. In: LN Online. 29. November 2021, abgerufen am 30. November 2021.