Reisen im Römischen Reich
Bereits im Römischen Reich war es möglich, sicher und über weite Strecken zu reisen. So gute Rahmenbedingungen für Mobilität, wie sie die Römer geschaffen haben, wurden in Europa erst im 19. Jahrhundert wieder erreicht. Reisegeschwindigkeiten und -komfort waren stark von den gewählten Verkehrsmitteln und von der Jahreszeit abhängig.
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Charakteristika des Reisens in der römischen Antike
Die Bedingungen und Gründe für Reisen, wie auch der Hintergrund von Menschen, welche sich auf eine Reise begaben, waren innerhalb der römischen Antike im stetigen Wandel und nur wenige können als kontinuierliche Charakteristika betrachtet werden. Dennoch sind einige Grundvoraussetzungen benennbar.
Akteure des Reisens im römischen Reich und ihre Motive
Den vergleichsweise wenigen namentlich bekannten Reisenden im Römischen Reich ist mit einigen wenigen Ausnahmen gemein, dass sie fast ausschließlich griechische und römische Männer aus der Oberschicht waren. Dennoch reisten auch im Römischen Reich Menschen aller sozialen Schichten, Männer wie auch Frauen, in größerem und kleinerem Ausmaß.[1] Das Reisen selbst ist dabei immer eng an ein Reisemotiv geknüpft, welches häufig, aber nicht immer geschäftlicher Natur war. Nicht selten überschnitten sich verschiedene Reisemotive, beispielsweise konnten Senatoren auf Amtsreisen touristische oder religiöse Ziele auf dem Weg in eine Provinz ansteuern.
Formen des Reisens (Kurzfassung)
Zu den häufigsten Formen des Reisens zählten:
- Handelsreisen
- Berufliche Reisen (z. B. Athleten, Ärzte, Handwerker)
- Studienreisen
- Amtsreisen staatlicher Funktionsträger
- Villeggiatur
- Kurreisen
- Reisen zu Festspielen
- Touristische Reisen
- Religiös motivierte Reisen (z. B. Pilger- oder Missionsreisen)
- Militärische Reisen
Chronologischer Überblick
Reisen in der späten Republik
Bis ca. 44 v. Chr. war das Straßennetz des römischen Reiches zum einen sehr auf Italien begrenzt und zum anderen auf Rom als Zentrum fokussiert. Genau genommen liefen die zentralen Straßen des Reiches von Rom aus in Form eines Spinnennetzes in die Peripherie weg. Die Kosten für den Bau und Unterhalt des Verkehrsnetzes waren so groß, dass innerhalb Italiens Spender dafür aufkommen mussten. Ebenso aus Kostengründen übernahmen die Römer daher die bereits vorhandenen Wegenetze eroberter Stämme und Reiche. Das Hauptanliegen der Römer war es, durchgängige Straßen zu haben, die zu jeder Jahreszeit und unabhängig vom Wetter funktionierten.[2]
Reisen in der Kaiserzeit
Mit Kaiser Augustus wandelte sich der Anspruch und die Bedeutung des Straßennetzes. Im Rahmen der Bestrebungen, das Römische Reich nicht nur mit seinen bestehenden Grenzen zu verwalten, sondern es zu vergrößern, sollte ein funktionierendes Verkehrsnetz errichtet werden, das Nachschub für Truppen ebenso gewährleisten konnte wie Sicherheit für Händler und zuverlässige Kommunikation.
Für Augustus war der Ausbau des Verkehrsnetzes auch ein Prestigeprojekt. Dies verdeutlichen die Meilensteine (miliaria), die entlang der wichtigsten Verkehrsstraßen jede römische Meile lang aufgestellt wurden.[3] Sie besaßen keine richtungsweisende Funktion, da die Straßenführung an sich sehr geradlinig war, um Sicherheit gewährleisten und Landmarken auf mehrere Meilen Entfernung sehen zu können. Vielmehr verdeutlichten sie die Macht des Imperiums und den Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins des Herrschers.
Anders als in der späten Republik wurden die Kosten nicht mehr ausschließlich von der Staatskasse getragen, sondern auf die Anrainergemeinden umgelegt, entlang derer die Straßen führten. Die Gemeinden gaben diese über die Grundsteuer an die Bürger weiter. Unter Spanndiensten verstand man es, wenn Bürger ihre eigene Arbeitskraft im Straßenbau einbrachten.
Die pax Augusta oder pax Romana sollte Frieden, Sicherheit und eine verlässliche Ordnung für jeden Reichsbürger gewährleisten. Maßnahmen, die hierfür unternommen wurden, waren die Demilitarisierung der Provinzen, die Bekämpfung der Bandenkriminalität, die Einrichtung von Sicherheitsposten (stationes) sowie die des cursus publicus.[4] Bei letzterem handelte es sich um ein staatliches Beförderungssystem, welches, durch in regelmäßigen Abständen errichtete Pferdewechselstationen und Rasthäuser, schnelles Reisen ermöglichte. Realistisch betrachtet, war obgleich dieses Anspruches und der unternommenen Maßnahmen, die Sicherheit in Stadtnähe eine andere als in der Peripherie.
Reisen in der Spätantike
In der Spätantike änderten sich die Voraussetzungen des Reisens. Die geänderte Reichsverwaltung führte dazu, dass nicht mehr im bisherigen Maß Verwaltungspersonal turnusmäßig in die Provinzen entsandt wurde. In vielen Regionen des Reichs verschlechterte sich die Straßeninfrastruktur. Auch die Reisesicherheit konnte z. B. durch kriegerische Handlungen bedroht sein. Dennoch ist bei bestimmten Reiseformen, etwa den Pilgerreisen über weite Strecken, sogar eine Intensivierung der Reisetätigkeit festzustellen.
Reisemittel und Technik
In der römischen Antike konnte sowohl zu Land als auch zur See gereist werden. Für Landreisen wurde aus finanziellen Gründen häufig eine Reise zu Fuß gewählt. Es konnte aber auch auf Reittieren (besonders Eseln oder Maultieren) sowie auf von Zugtieren gezogenen (zwei- oder vierrädrigen) Wagen gereist werden.[5] Außerdem war es möglich, mit getreidelten Schiffen Wasserwege wie z. B. Kanäle für die Reise zu nutzen,[6] was etwa im „Iter Brundisinum (Sat. 1,5)“ von Horaz geschildert wird (Fahrt durch die Pontinischen Sümpfe). Die Infrastruktur für Landreisen war seit der ausgehenden Republik für vormoderne Verhältnisse ausgezeichnet gut. Die Römer etablierten nicht nur ein reichsweites Straßennetz, sondern errichteten auch Brücken, befestigten Pässe und sicherten Routen durch die Wüste.[7]
Das Reisen auf See war die schnellste Art zu reisen. Ein Nachteil war jedoch, dass die Schiffe nicht für den Passagiertransport, sondern für den Handel gebaut wurden. Das Reisen zu See war so zwangsweise an Handelsreisen geknüpft, da es keine klassische Passagierfahrt gab. Schiffspassagen waren zwischen Oktober und Mai begrenzt, da wegen der Winterstürme und der Wolkenbildung nach Möglichkeit darauf verzichtet wurde, zur See zu fahren (mare clausum). In Ausnahmefällen war Schiffsverkehr jedoch auch in diesen Monaten möglich, wie zum Beispiel bei einem dringlichen Transport von Truppen oder einer Behebung von Versorgungsnotstand. Die Reisezeit hing meistens von Wetter und Schiffstyp ab. Es gab auch keine feste Abreisezeit, da diese abhängig war von Wind und Omina. So gab es als unheilvoll geltende Tage, an denen kein römischer Kapitän den Hafen verließ (24. August, 5. Oktober oder 8. November). Generell war das Ende des Monats eine ungünstige Zeit, auf See zu sein.[8]
In der römischen Kaiserzeit kam für die Frachtschiffe, auf denen die zivilen Reisenden mitfuhren, in der Regel die Schalenbauweise zum Einsatz, bei der zuerst die Außenverkleidung des Schiffsrumpfes gefertigt wurde, indem eine Planke mit der anderen fest verbunden wurde, bis der Schiffsrumpf im Umriss vorlag. Danach wurde zur Erhöhung der Stabilität ein System von Verstrebungen eingezogen.[9] Die Ritzen zwischen den Planken wurden mit Werg (Fasern aus Flachs oder Hanf) ausgestopft und die Nahtstellen, manchmal sogar die gesamte Rumpfoberfläche, mit einer Schicht aus Pech oder einem Pech-Wachs-Gemisch abgedichtet. Zum optimalen Schutz gegen Bohrmuscheln und gegen den Schiffswurm war oft der gesamte unter Wasser liegende Teil des Schiffes mit dünnen Bleiplatten verkleidet, die über einem mit Teer imprägnierten Gewebe aufgenagelt waren.[10] Damit die Schiffe sicher in der See lagen, wurden sie häufig mit Ballast aus Sand beladen, es kamen aber auch andere schwere Güter wie Bruchsteine, alte Ziegel oder Steinplatten mit Inschriften dafür in Frage.[11]
Über die genaue Größe der Frachtschiffe gibt es sehr wenige Angaben, einzig Lukian von Samosata berichtete im Detail über die Ausmaße des (fiktiven) Getreidefrachters „Isis“: Dieses Schiff war 120 Ellen lang, mehr als 30 Ellen breit und hatte 29 Ellen Höhe zwischen dem Verdeck und dem Boden des Laderaums.[12] Damit musste die Isis ein Fassungsvermögen von über 1000 Tonnen Getreide gehabt haben und konnte wohl über 1000 Passagiere aufnehmen.[13]
Durch die Bauart der Handelsschiffe waren diese zwar äußerst kentersicher, jedoch dürfte das mit der großen Höhe der Schiffe verbundene starke Schwanken für Reisende äußerst unbequem gewesen sein. Die Schiffsbewegungen erreichten schon bei geringen Windstärken eine Intensität, die bei ungeübten Reisenden Seekrankheit hervorrief.[14]
Erholungs- und Kurreisen / Villeggiatur

Erholungs- und Kurreisen
Erholungs- und Kurreisen waren weit verbreitet in nahezu allen Bevölkerungsschichten des Römischen Reiches. Es handelte sich hierbei um meist kurze und bereits bekannte Strecken, die die Reisenden oft mehrmals im Jahr auf sich nahmen.
Kurorte lagen häufig an Quellen, deren Wasser eine besondere Heilkraft zugesprochen wurde, etwa Schwefelquellen. Die Besonderheit der Bäder und Quellen lag in der natürlichen Heilkraft des enthaltenen Wassers. Angereichert mit verschiedenen Mineralien, Salzen und Schwefel diente das Wasser vor allem zur Behandlung von Kriegswunden, Knochenbrüchen etc.
In römischer Zeit gab es auch Kurorte, deren Zentrum ein Heiligtum bildete, etwa bei den Kultplätzen für den Heilgott Aesculap (Asklepios). Die Reisenden konnten dort religiöse Riten vollziehen, bei denen ihnen der Gott Asklepios im Schlaf erschien. In diesen Heiligtümern arbeiteten Priester und Ärzte Hand in Hand. Ein großes Asklepieion wie diejenigen in Pergamon, Kos oder Epidauros bot neben Tempeln, Altären, Kurräumen und Bädern auch eine Bibliothek, ein Theater und weitere Einrichtungen, um eine ganzheitliche Erholung der Gäste zu ermöglichen.
Villeggiatur
Neben den verschiedenen Kurorten pflegte die römische Oberschicht auch eine ausgebreitete Villenkultur. In ihrer Gestaltung übernahmen die Senatoren hauptsächlich Elemente aus der griechischen Kultur. Zweck der Reisen war für die Oberschicht der regelmäßige Besuch der eigenen Villen. Zentren der Villeggiatur waren Latium und Kampanien. Im Optimalfall besaßen die Senatoren mehrere, verstreut liegende Villen, um die Vorteile des jeweiligen Klimas ausnutzen zu können.
Die Villeggiatur war mit dem otium-Konzept verbunden, das private Muße und Ruhe (otium) als Gegenpol zur Öffentlichkeit, bzw. dem hektischen Staatsdienst in Rom (negotium) propagierte. Cicero beschreibt den Begriff des otium als „Hafen der Ruhe und Geborgenheit“ und grenzt ihn damit in gewissermaßen an den römischen Staatsdienst an. Das otium dient in seiner Vorstellung als Vorbereitung zu jener Tätigkeit, bei der der Römer Ruhm, Ansehen und Status erringen konnte. otium und negotium stehen demnach komplementär zueinander.[15] In der Praxis gaben Kurreisen römischen Senatoren also die Möglichkeit, eine Auszeit vom öffentlichen, politischen Geschehen zu nehmen und sich der privaten Beschäftigung mit der griechischen Kultur und Philosophie hinzugeben. Ein Beispiel für diese Art von Aufenthalt ist Plinius' Beschreibung der Clitumnusquellen. Im Gegensatz zu Cicero, bewertet Plinius die otium-Kultur neu: Er sieht den privaten Bereich der Senatoren auch als Möglichkeit zum Erlangen von Ruhm und Ansehen. Somit wandelte sich die römische Vorstellung von otium, wobei der Begriff zunehmend ins Zentrum der Oberschicht geriet.
Touristische Reisen
Touristische Reisen zum reinen Selbstzweck waren in der Form selten. In der Regel verbanden die Reisenden touristisches Interesse mit einem Weg, den sie ohnedies machen mussten. So besichtigten römische Statthalter auf der Reise in ihre Bestimmungsprovinz Sehenswürdigkeiten und Erinnerungsorte. Einige touristische Highlights der Antike sind noch heute beliebte Reiseziele (etwa die Pyramiden). Oft aber interessierten sich die antiken Reisenden für andere Dinge als ihre modernen Nachfolger. So war die Attraktion von Hierapolis (heute Pamukkale in der Türkei) die Existenz von Grotten, die als Eingang zur Unterwelt galten. Heute dagegen ist der Ort berühmt für seine Kalksinterterrassen.
Bildungsreisen
Anlässe und Motive von Bildungsreisen

Im Allgemeinen waren die Anlässe und Motive von Bildungsreisen häufig von einer Neugier geprägt. Generell kann man strukturell die Anlässe und Motive in drei Orientierungsformen einordnen: Bildungsreisen können wissensorientiert, erlebnisorientiert und/oder prestigeorientiert sein, wobei die Zuordnungen nicht automatisch singulär sein müssen. So kann der Austausch mit Gelehrten neben den Erfahrungs- und Wissenszuwachs auch mit Prestigezuwachs verbunden sein.
Wissensorientierte Bildungsreisen hatten das primäre Ziel, Wissen zu generieren. Dies fand vor allem in Bibliotheken (z. B. die Bibliothek von Alexandria oder die von Pergamon) in Philosophenschulen (v. a. in Athen) oder im Austausch mit (anderen) Gelehrten statt. Daneben hatte eine Entdeckungsreise einen gewissen Grad an Wissensgenerierung, wenngleich diese Form der Bildungsreise ebenfalls einen erlebnisintensiven Charakter innehatte.
Bildungsreisen, die tendenziell eher erlebnisorientiert ausgerichtet sind, umfassen den Orakel- und Wettkampftourismus (z. B. in Olympia, Isthmos oder in Delphi). Der Begriff „Bildungstourismus“ impliziert eine Form des Tourismus, bei welchem berühmten Gelehrten oder andere Persönlichkeiten und derer Wirkungsstätten nachgeeifert wird.
Prestigeorientierte Bildungsreisen sind primär darauf ausgerichtet, das eigene Ansehen in der Gesellschaft und oftmals in deren Elite zu mehren. Das sind vor allem Bildungsreisen, die den Zweck haben, Kontakte mit besonders gebildeten und hoch angesehenen Persönlichkeiten oder Kreise zu knüpfen. Teilweise kann aber auch bereits das Besuchen berühmter Philosophenschulen oder das Selbststudium in den großen Bibliotheken das eigene Prestige vergrößern.
Pausanias' „Beschreibung Griechenlands“
Pausanias (um 110/115 – nach 180 n. Chr.) ist der Autor einer „Beschreibung Griechenlands“ (Periegesis Hellados) und gilt häufig als „antike Baedecker“,[16] ein Reiseführer für antike Bildungsreisende. Pausanias verbrachte etwa 30 Jahre mit seinen Recherchen für seinen antiken Reiseführer und schrieb, um sein Wissen mit anderen gebildeten Gleichgesinnten zu teilen.[17]
Pausanias Beschreibungen sind jedoch nicht im Sinne moderner Reiseführer verwendbar gewesen.[18] Möglicherweise sind seine Reisebeschreibungen eher als Lesevergnügen für Daheimgebliebene konzipiert.
Religiös motiviertes Reisen
Christliche Reisen
Das gut ausgeprägte Verkehrsnetz der Kaiserzeit bedingte außerdem die Ausprägung einer eigenen Reisekultur unter Christen ab dem 1. Jahrhundert sowie die Ausbreitung des Christentums. Das Gebot der hospitia vereinfachte das Reisen für Christen nicht nur logistisch, sondern vor allem finanziell. Herbergen (Klostergästehäuser, Bischofshäuser, oder bei Privatleuten) wurden unentgeltlich für reisende Christen zur Verfügung gestellt, wodurch der Umfang des Reisens, aber auch die Ausbreitung des Christentums zunahm. Es fand sich unter den Christen somit eine hohe Mobilität, zumal auch die Entwicklung einer ersten kirchlichen Verwaltungsstruktur mit einer amtlichen Priesterschaft ab dem 4. Jahrhundert ermöglichte, dass vermehrt Reisen stattfanden. Das Christentum verbreitete sich demnach entlang der Verkehrs- und Handelsachsen zur See und zu Land über die städtischen Zentren. Christlich motiviertes Reisen, oder in anderen Worten Missionsreisen, gingen und gehen heutzutage noch auf den Missionsbefehl in Matthäus 28,18-20 zurück.[19]
Missionsreisen des Apostel Paulus
Die zentrale Figur der frühen christlichen Missionsreisen ist der Apostel Paulus. Bekannt ist er vor allem für seine drei Missionsreisen. Diese lassen sich in der Apostelgeschichte nachlesen. Paulus ist der bedeutendste Apostel, denen man im Neuen Testament begegnet, begann seine Karriere aber nicht als überzeugter Anhänger und Verkünder der Botschaft Jesu, sondern als Verfolger der Christen. Er hatte nach seiner persönlichen Begegnung mit Gott eine Lebenswende, welche als Damaskuserlebnis in Apostelgeschichte 9,3-19 beschrieben ist. Davon ausgehend wandelte er seinen Lebensstil und machte es sich zur Aufgabe, vor allem Nichtjuden (Heiden) mit der Botschaft Jesu bekannt zu machen. Dies setzte er auf seinen umfangreichen Reisen um, die ihn von Jerusalem aus bis nach Griechenland und Rom führten. Seine auf Reisen gegründeten Gemeinden besuchte er auch und hielt den Kontakt zu ihnen über Briefe, von denen sich zahlreiche im Neuen Testament finden lassen, z. B. der Römerbrief, 1. und 2. Korintherbrief sowie der Brief an die Galater.[20]
Pilgerreisen
Reisen zu Pilgerzwecken finden sich durch die komplette Antike hindurch, einen besonderen Stellenwert nehmen sie allerdings in der christlichen Phase des römischen Reiches ein. Die Pilgerreisen liefern dabei unter anderem einen Einblick über die zurückgelegten Distanzen, geographische Orientierungspunkte, heilige Orte und religiöse Praktiken. Bei den christlichen Pilgerreisen unterscheidet man im Wesentlichen zwischen den Quellengattungen des Itinerariums und der Peregrinatio.[21] Wichtiger Auslöser für die steigende Zahl christlicher Pilgerfahrten war der Bau großer christlicher Monumentalkirchen u. a. in Konstantinopel und an anderen für Christen heilige Orten im Osten des Reiches während der Regierungszeit Konstantins und nachfolgender christlicher Kaiser.[22]
Missionierung der Gentes in der Spätantike und im Übergang zum Frühmittelalter
In der Spätantike, v. a. im Übergang zum Frühmittelalter, wird das Missionsverständnis zunehmend auf die gentes außerhalb des Römischen Reichs übertragen. Im Osten bildete sich zunächst in Edessa, später in Seleukia-Ktesiphon die Assyrische Kirche außerhalb des römischen Reiches heraus. Da diese Kirche im Streit um die Lehre des Patriarchs von Konstantinopel Nestorius Partei für ebenjenen ergriffen hat, ist diese Kirche auch als nestorianische Kirche bekannt.[23] Nach dem Vorbild der apostolischen Mission reisten Mönche auch in Gebiete Mittel- und Westeuropas außerhalb des direkten römischen Einflussgebietes, um dort die Stämme zum Christentum zu missionieren. Insgesamt betrachtet war jedoch eine Missionstätigkeit außerhalb des Römischen Reiches im heutigen Verständnis jedoch bis zum Untergang des Weströmischen Reiches nur sporadisch und kaum zielgerichtet.[24]
Siehe auch
- Geschichte des Reisens
- Metaphysische Reisen (Seelenwanderung, Reise ins Jenseits)
- Reiseliteratur
- Locus amoenus
- Studienreise
- Römerstraße
Literatur
- Jeanne-Nora Andrikopoulou, Sebastian Held, Johanna Jäger, Kathrin Hasacke, Gabriele Schmidhuber: Auf Achse mit den Römern. Reisen in römischer Zeit, Oppenheim 2020.
- Mario Baumann, Susanne Froehlich und Jens Börstinghaus [Hg.]: Auf segelbeflügelten Schiffen das Meer befahren. Das Erlebnis der Schiffsreise im späten Hellenismus und in der römischen Kaiserzeit, Wiesbaden 2018.
- Hermann Bausinger, Klaus Beyrer, Gottfried Korff (Hrsg.): Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus, 2. Auflage, München 1999.
- Lionel Casson: Reisen in der Alten Welt, München 1976, ISBN 3-7913-0367-8.
- Linda Ellis, Frank L. Kidner (Hrsg.): Travel, Communication and Geography in Late Antiquity. Sacred and Profane, Burlington (USA) / Aldershot (UK) 2004, ISBN 0-7546-3535-X.
- Arnold Esch: Von Rom bis an die Ränder der Welt: Geschichte in ihrer Landschaft, München: C.H. Beck 2020, ISBN 978-3-406-75854-6
- Christian Fron: Bildung und Reisen in der römischen Kaiserzeit: Pepaideumenoi und Mobilität zwischen dem 1. und 4. Jh. n.Chr., Berlin 2021, ISBN 978-3-11-069871-8.
- Marion Giebel: Reisen in der Antike, Düsseldorf/Zürich 1999.
- Walter Gross: Transportwege, Mittel des Transports und Nachrichtenwesen in der römischen Antike, in: Der Mensch in seiner Umwelt, hrsg. von E. Olshausen (Humanistische Bildung, VI), Stuttgart 1983, 47-84.
- Philip A. Harland (Hrsg.): Travel and religion in antiquity (Studies in Christianity and Judaism 21), Waterloo 2011.
- Anne Kolb: Transport und Nachrichtentransfer im Römischen Reich (Klio Beihefte. Neue Folge 2), Berlin 2000, Digitalisierte Ausgabe 2009: doi:10.1524/9783050048246.
- Claudia Moatti: „Translation, Migration, and Communication in the Roman Empire: Three Aspects of Movement in History“, in: Classical Antiquity, Vol. 25, No. 1, 2006, 109-140.
- Tony Perrottet: In Troja ist kein Zimmer frei. Bildungs- und Vergnügungsreisen in der Antike, aus dem Englischen von Karin Schuler und Enrico Heinemann, München 2002, ISBN 3-89667-146-4.
- Karl Wilhelm Weeber: Couchsurfing im alten Rom. Zu Besuch bei Wagenlenkern, Philosophen, Tänzerinnen u.v.a. zu Zeiten Kaiser Neros. Ein ungewöhnlicher Blick auf die römische Geschichte des 1. Jahrhunderts, Darmstadt 2022, ISBN 978-3-8062-4418-2.
- Benjamin W. Wells: „Trade and Travel in the Roman Empire“, in: The Classical Journal, Vol. 19 No. 1, 1923, 7-16.
- Heinz Werner: Reisewege der Antike. Unterwegs im Römischen Reich, Stuttgart 2003, ISBN 3-8062-1670-3.
- Nicola Zwingman: Art. „Reise“. In: Georg Schöllgen et al. (Hrsg.): Reallexikon für Antike und Christentum. Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken Welt. Band 28. Anton Hiersemann, Stuttgart 2017, Sp. 914-951, ISBN 978-3-7772-1815-1.
Einzelnachweise
- Nicola Zwingman: Art. "Reise". In: Georg Schöllgen et al. (Hrsg.): Reallexikon für Antike und Christentum. Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken Welt. Band 28. Anton Hiersemann, Stuttgart 2017, Sp. 915.
- Lionel Casson: Reisen in der alten Welt. München 1976, S. 189–195.
- Lionel Casson: Reisen in der Alten Welt. München 1976, S. 203 f.
- Susanne Froehlich: Stadttor und Stadteingang. Zur Alltags- und Kulturgeschichte der Stadt in der römischen Kaiserzeit. Göttingen 2022, S. 107–110, 125.
- Nicola Zwingman: Art. "Reise". In: Georg Schöllgen et al. (Hrsg.): Reallexikon für Antike und Christentum. Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken Welt. Band 28. Anton Hiersemann, Stuttgart 2017, Sp. 915 f.
- Gerhard Radke: Topographische Betrachtungen zum „Iter Brundisinum“ des Horaz, in: Rheinisches Museum für Philologie. Neue Folge 132, Heft 1 (1989), S. 54–72, hier S. 58.
- Lionel Casson: Reisen in der Alten Welt. München 1976, S. 191, 195, 203.
- Lionel Casson: Reisen in der Alten Welt. München 1976, S. 179 f.
- Casson Lionel: Die Seefahrer der Antike. 6. neubearbeitete Auflage des Originalwerkes "The Ancient Mariners". München 1979, S. 311.
- Casson, Seefahrer, S. 345.
- Casson, Seefahrer, S. 344
- In Metern sind diese Maße: 55 Meter Länge, 14 Meter Breite und ein 13 Meter hoher Laderaum. Casson, Reisen, S. 184.
- Casson, Reisen, S. 184. Diese Zahl scheint allerdings eine grobe Schätzung von Casson zu sein.
- Vgl. Thomas N. Kirstein, Sebastian Ritz, Alwin Cubasch: »Schiffe, dem Tode willkommene Mittel«. In: Mario Baumann, Susanne Froehlich und Jens Börstinghaus (Hrsg.): Auf segelbeflügelten Schiffen das Meer befahren. Das Erlebnis der Schiffsreise im späten Hellenismus und in der römischen Kaiserzeit. Wiesbaden 2018, S. 15–36.
- Jochen Werner Mayer: Imus ad villam: Studien zur Villeggiatur im stadtrömischen Suburbium in der späten Republik und frühen Kaiserzeit. Franz Steiner, Stuttgart 2005, ISBN 3-515-08787-7.
- Pausanias, der Ur-Baedeker. In: theopedia. Abgerufen am 9. August 2022.
- Tony Perrottet: Bildungs- und Vergnügungsreisen in der Antike. Hrsg.: aus dem Englischen von Karin Schuler und Enrico Heinemann. Karl Blessing Verlag, München 2002, ISBN 3-89667-146-4, S. 501.
- Ernst Meyer: Pausanias Reisen in Griechenland. Hrsg.: Felix Eckstein. 1 - 3 (Bücher I - X). Zürich 1989, S. 215 - 217.
- Nicole Zwingmann: "Reise". In: Georg Schöllgen et al. (Hrsg.): Reallexikon für Antike und Christentum. Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken Welt. Band 28. Stuttgart 2017, S. Sp. 914–951.
- Sachwort. Abgerufen am 26. Juli 2022.
- Karlheinz (Emskirchen) Kessler, Jan (Prag) Burian: Itinerare. In: Der Neue Pauly. Brill, 1. Oktober 2006 (brillonline.com [abgerufen am 25. Juli 2022]).
- Karl-Wilhelm (Witten) Weeber: Reisen. In: Der Neue Pauly. Brill, 1. Oktober 2006 (brillonline.com [abgerufen am 25. Juli 2022]).
- H. G. B. Teule: Autonomie patriarcale, ministère pétrinien et attitude de l'Église d'Orient envers l'église romaine. In: Science et Esprit 61/1-2 (2013) 65-82.
- Martin Heimgartner: Mission, in: Der Neue Pauly, Bd. 8 (2000), Sp. 266–268.