Die heiligen Stiegen
Die Heilige Stiege (oder Treppe), die sich jetzt in Rom im Lateran befindet, gehörte nach der Tradition zum Palast des römischen Präfekten oder Statthalters für Judäa in Jerusalem, also zur Zeit von Jesus von Nazaret des Statthalters Pontius Pilatus. Jesus habe diese Treppe hinaufsteigen müssen, als er zum Verhör bei Pilatus geführt wurde. (Deshalb wurde die Stiege im Mittelalter auch als „Treppe des Pilatus“ bezeichnet -- vgl. unten das Zitat von Luther).

Der Palast des Statthalters, das in Mt 27,27 , Mk 15,16 und Joh 18,28 genannte Prätorium[1], dürfte der ehemalige Königspalast am Westrand der Stadt Jerusalem gewesen sein, oder nach einer traditionellen christlichen (neuerdings aber zumeist abgelehnten) Auffassung die stark befestigte Burg Antonia an der Nordseite der Stadtmauer. In älteren Ausgaben der Lutherbibel, z. B. der von 1912, stand statt „Prätorium“ noch „Richthaus“.[2]
Auffindung und Bedeutung der Heiligen Stiege
Zur Legende gehört es weiterhin, dass die Heilige Helena (Mutter Konstantins des Großen)[3] um das Jahr 326 in Jerusalem im Umkreis der mutmaßlichen Überbleibsel des Statthalter-Palastes graben ließ, wobei die Treppe gefunden wurde, wie auch andere Reliquien, dabei das Kreuz Christi und der ungenähte Heilige Rock.
Die Heilige Stiege wurde nach Rom gebracht. Dort führt sie im Lateran zur Capella Sancta Sanctorum hinauf. Im Lauf der Zeit hat die katholische Kirche den Pilgern, welche die Treppe mit ihren 28 Stufen auf den Knien erklimmen, unterschiedliche Ablässe[4] gewährt; schließlich hat Papst Pius X. am 26. Februar 1908 einen vollkommenen Ablass gewährt, „der so oft zu erlangen ist, wie die Stiege nach Beichte und Kommunion andächtig bestiegen wird.“[5].
Mehrere Päpste haben das Ritual der Besteigung der Heiligen Stiege selbst ausgeführt.
Seit 1723 werden die Marmorstufen durch eine Holzverkleidung vor Abnutzung geschützt.
Weitere Stiegen nach dem Vorbild der ersten Scala Santa
Diese wurden vor allem im 18. Jahrhundert erbaut, oft im Zusammenhang mit Kalvarienbergen. Fast alle haben auch die 28 Stufen, die zur Erlangung eines Ablasses kniend zu erklimmen sind. Sonst sollen sie nicht betreten werden. Meistens sind beiderseits der heiligen Stiege schmälere Stufen vorhanden für diejenigen, welche die Bußübung nicht vollziehen wollen. Manche Stiegen sind sehr schlicht (siehe das Bild zu Forchtenstein), andere weisen barocken Prunk auf.
Bayern



- Bad Tölz (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen): "Heilige Stiege" in der Heilig-Kreuz-Kirche auf dem Kalvarienberg, erbaut etwa 1718. Das Bild rechts zeigt eine Tafel, die unkundigen "Fremden" die Bedeutung der heiligen Stiege und das erwünschte Verhalten an diesem Ort erläutert.
- Gotteszell (Kreis Regen), heilige Stiege am Kalvarienberg.
- Kloster Holzen in Allmannshofen (Lkrs. Augsburg); hier im Anschluss an die Loreto-Kapelle.
- Lenggries (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen): Ebenfalls auf dem Kalvarienberg, in der Heilig-Kreuz-Kapelle, erbaut 1726.
- Mariaort bei Regensburg: In der Kalvarienbergkirche Heilig Kreuz, erbaut 1724.
- Windberg (Kreis Straubing-Bogen): In der Heilig-Kreuz-Kirche.
- Altomünster (Kreis Dachau), Kalvarienbergkapelle, 1694 erbaut. Die hl. Stiege war ursprünglich im Freien; sie wurde im 19. Jahrhundert überdacht und in die Kapelle einbezogen.
Übriges Deutschland

- Bonn, bei der Kreuzbergkirche.
- Rastatt (Baden-Württemberg), Schlosskirche im Schloss Rastatt.
Österreich
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- Forchtenstein (Burgenland), im Zubau der Pfarrkirche Forchtenstein.
- Graz, Hl. Stiege bei der Kalvarienberg-Kirche.
- St. Radegund bei Graz, am Kalvarienberg; diese Stiege hat nur 14 Stufen.
- Salzburg, Kajetanerkirche: Die Hl. Stiege, erbaut 1712, ist neben der Kirche.
Frankreich

- Basilika von Sainte-Anne d'Auray in der Bretagne.

- Lourdes: Heilige Stiege (Saint Escalier) am Beginn des großen Kreuzwegs (Chemin de Croix). Die Aufnahme ist von 1910. Auf diesem Bild ist oberhalb der Stiege die Figur des sitzenden Pontius Pilatus zu sehen, dahinter die Kapitolinische Wölfin als Symbol für Rom, daneben Soldaten des Pilatus. Die Pilatus-Figur wurde am 12. August 1983 durch einen Sprengstoff-Anschlag zerstört (siehe Weblinks); die anarchistischen Attentäter wollten gegen den Besuch des Papstes Johannes Paul II. am 15. August protestieren. In der Mitte der Figurengruppe ist nun an Stelle der Pilatus-Figur die Jesus-Statue getreten, die im Bild von 1910 als dritte Figur (von links her) zu sehen ist.
Italien
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- Campli, in der Region Abruzzen, neben der Kirche San Paolo. Bei dieser Stiege (erbaut um 1774) ist die Treppe zum Abstieg (gradini di discesa) ganz getrennt von der Aufstiegstreppe (gradini di ascesa). Deren Stufen sind aus Olivenholz.
- Weitere 16 Orte, siehe Weblinks.
Tschechien
- Brünn (Brno), Minoritenkirche St. Johannes; die Hl. Treppe ist in der zur Kirche gehörenden Loretokapelle. Erbaut 1733.
- Muttergottesberg (Hora Matky Boži): Eine Klosteranlage bei Grulich (Králíky); die Treppe befindet sich in einem Gebäude innerhalb des Kreuzgangs. Erbaut 1710.
- Prag, Kirche Mariä Himmelfahrt und Karl der Große (Kostel Nanebevzetí Panny Marie a Karla Velikého na Karlově): Gegenüber dem Kircheneingang wurde 1708 eine Hl. Stiege erbaut.
- Rumburg (Rumburk), am Kreuzgang in der Loretokapelle, erbaut 1767–1770.
Heilige Treppe in Muttergottesberg
Heilige Treppe in Prag
Polen
- Krakau, Piaristenkirche: Hier ist die Heilige Stiege (Święte Schody) ein Teil der Krypta. Zwei der 28 Stufen werden durch Treppenabsätze gebildet. Die ursprüngliche Bedeutung der Treppe ist in Vergessenheit geraten. (Siehe auch Weblinks).
Eine Hl. Stiege, die nicht mehr existiert

- München: ehemals in einem Anbau der Theatinerkirche[6][7] Der Kupferstich von Johann Stridbeck d. J. (1665–1714) von 1697, „ad vivum“ (nach dem Leben) gezeichnet, veranschaulicht, wie die seitlichen Treppen normal begangen werden, während die Personen auf der mittleren Treppe sich auf den Knien abmühen.
Martin Luther und die Scala Santa
In einer Predigt am 15. November 1545 erinnert sich Martin Luther an die Heilige Treppe, die er bei seiner Romreise im Jahre 1511 aufgesucht hatte:[8]

Auf Deutsch bedeutet das: „Da ich nun in Rom war, wollte ich meinen Großvater [Heine Luder] aus dem Fegefeuer erlösen und ging die Treppe des Pilatus hinauf; auf jeder Stufe betete ich ein Vaterunser. Es war nämlich die Überzeugung, dass der, der so betet, eine Seele loskaufe. Aber als ich oben ankam, dachte ich: Wer weiß, ob das wahr ist?“
Weblinks
- Homepage der Scala Santa in Rom (italienisch und englisch).
- Attentate in Lourdes (Histoire des attentats à Lourdes). Abgerufen am 3. Feb. 2023.
- Abschnitt über „Andere Heilige Stiegen“ in der italienischen Wikipedia.
- Homepage der Piaristenkirche in Krakau (polnisch); man kann z.B den Text des Abschnitts „Krypta/Historia“ durch Google übersetzen lassen.
Einzelnachweise
- Der Ausdruck „Prätorium“ für den Palast des Präfekten wird im Urtext, in der Einheitsübersetzung des Neuen Testaments, in der Zürcher Bibel von 2007 sowie in der Lutherbibel von 2017 verwendet.
- Das Deutsche Wörterbuch („der Grimm“) erklärt „Richthaus“ als haus, in welchem gericht gehalten wird, und das manchmal auch zugleich als gefängnis dient.
- Johann Peter Kirsch: St. Helena, in: Catholic Encyclopedia (1913), vol. 7. Online
- Luigi Prinzivalli: Die geistliche Schatzkammer: Uebersetzung der "Sammlung von Gebeten und frommen Werken, für welche die Päpste heilige Ablässe verliehen haben". In's Deutsche übertragen von Michael Haringer. Regensburg, 1888. (Insbes. S. 186/187). Online zu lesen im OPAC der Bayerischen Staatsbibliothek.
- Livarius Oliger: Scala Sancta (Holy Stairs), in: Catholic Encyclopedia (1913), vol. 13. Online
- Lorenz von Westenrieder: Beschreibung der Haupt- und Residenzstadt München (im gegenwärtigen Zustande). München 1782. Auf S. 191 wird "die heilige Stiege nach der Form der Stiege in Rom" erwähnt.
- Fabian Pius Huber: Mut zu prächtigen Dingen: Die Theatinerkirche in München. Lindenberg im Allgäu 2019; insbes. S. 352–354. Gemäß S. 352 wurde der Anbau mit der Stiege "im Zuge von Sanierungsarbeiten an der Kirche 1820 abgerissen".
- Karl Knaake, J.K.F. Knaake et al. (Hrsg.): Kritische Gesamtausgabe der Werke Luthers, Bd. 51, S. 89. Online