Gebärdenschrift
Eine Gebärdenschrift ist ein Schriftsystem für die Darstellung der sprachlichen Zeichen einer Gebärdensprache.

Entwicklungen
Es sind grundsätzlich Parallelen bei den Anfängen der Tanzschriftaufzeichnungen zu den Gebärdenschriftaufzeichnungen zu erkennen.[1] Beide haben denselben Ursprung mit dem Versuch Bewegung zu verschriftlichen. Im 20. Jahrhundert schuf Rudolf von Laban z. B. die Labanotation mit graphischen Darstellungen von Bewegungen verschiedener Körperteile, pfeilähnliche Symbole für die Angabe von Richtungen und Symbole für die Mimik.
Im 7. Jahrhundert wurde erstmals versucht, Handformen auf Papier zu schreiben. Die sogenannten „Fingerzahlen“ oder „Zahlengebärden“ sind aber noch kein Versuch, Gebärdensprachen zu verschriftlichen. Danach wurden im 16. und 18. Jahrhundert mit dem „Fingeralphabet“ bzw. „Handalphabet“, den „methodischen Zeichen“ und dem „Zeichenregister“ weitere Versuche unternommen um taube Schüler in der Lautsprache zu unterrichten.
Im 19. Jahrhundert schufen Roch-Ambroise Bébian in Paris und später der aus Schottland stammende George Hutton in Nova Scotia eine erste wirkliche Gebärdenschrift, die beide Mimographie genannt wurden. Weitere Schriftsysteme für Gebärdensprache entwickelten im 20. Jahrhundert William Stokoe, die Stokoe Notation, für die American Sign Language (ASL), Eshkol-Wachmann (Eshkol-Wachmann Movement System) für die Israel Sign Language, Paul Jouison (D'Sign) für die französische Gebärdensprache, David Rose (AusWrite) für die australische Gebärdensprache, ferner erschien in der Tradition des Stokoe-Systems an der Universität Hamburg das wissenschaftlich orientierte HamNoSys (Hamburger Notations-System)[2] für die Deutsche Gebärdensprache und ein phonetisch/phonemisches System SignLettering von Hartmut Teuber (USA). Für ASL wurden auch noch eine Fülle anderer Gebärdenschriften entwickelt.[3]
Besondere Bedeutung hat hier das 1974 von der ehemaligen Tänzerin Valerie Sutton entwickelte System SignWriting[4]. Dieses ist sprachübergreifend und hat deshalb zunehmende Verbreitung. Dieser Artikel handelt im Folgenden von dieser Schrift, welche eingedeutscht auch GebärdenSchrift (mit Binnenmajuskel zur Unterscheidung vom Oberbegriff) genannt wird.
Die Glossentranskription wird oft auch zur Verschriftlichung von Gebärden eingesetzt.
SignWriting
| SignWriting | ||
|---|---|---|
| Schrifttyp | Piktogramme | |
| Sprachen | Gebärdensprache | |
| Erfinder | Valerie Sutton | |
| Verwendungszeit | ab 1974 | |
| Abstammung | synthetische Schrift SignWriting | |
| Verwandte | DanceWriting | |
| Unicodeblock | U+1D800–U+1DAAF | |
| ISO 15924 | Sgnw | |

SignWriting (auch als Sutton SignWriting bekannt) wurde im Auftrag der Universität Kopenhagen entwickelt. Neben dieser Schrift hat nur noch DanceWriting zur Notation von Tänzen und Choreographien weitere Verbreitung.
SignWriting nutzt zur Darstellung der Gebärden eine große Menge genau definierter Piktogramme für Handformen und Mimik, sowie für Arme, Beine oder Schultern, falls sie für die Gebärde relevant sind, und verschiedene zusätzliche Symbole wie unterschiedliche Pfeile, Sterne, Wellen und Ähnliches zur Beschreibung der Bewegung. Wegen des Piktogrammcharakters der Zeichen ist das Erkennen der Schrift vergleichsweise einfach.
In Deutschland wird bereits an einigen Orten, zum Beispiel im Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte in Osnabrück, SignWriting im Unterricht gehörloser Kinder eingesetzt. Gleiches geschieht auch in einer Schule für gehörlose Kinder in Ost-Nicaragua.
Außerhalb der Schule wird die GebärdenSchrift nicht eingesetzt, da sie kompliziert zu erlernen erscheint.[5]
Geschichte
1966, im Alter von 15 Jahren, entwickelte die Amerikanerin Valerie Sutton für persönliche Notizen ein System, um Ballett-Choreographien zu notieren. 1970 zog sie nach Dänemark, um im Königlich Dänischen Ballett zu üben. Dort nutzte sie ihre Tanz-Notizschrift, um Choreographien der Bournonville-Schule aufzuschreiben, die in Vergessenheit zu geraten drohten. Eine Veröffentlichung des Systems 1973 und ein DanceWriting-Kurs für Mitglieder des Balletts führten zum Bekanntwerden der Notation in einem Zeitungsbericht 1974, der von Wissenschaftlern der Universität Kopenhagen gelesen wurde. Die Anregung zur Weiterbearbeitung des MovementWriting für die Gebärdensprache kam von dem Anthropologen Rolf Kuschel und von Lars von der Lieth. Der Erstere hatte die Gebärdenzeichen eines einzigen tauben Bewohners einer Südseeinsel auf Film aufgezeichnet. Eine schriftliche Aufzeichnung war notwendig, um die Sprache dieses Mannes analysieren zu können. Sie baten Sutton, die auf Film aufgezeichneten Gebärden aufzuschreiben. Die Transkription mittels SignWriting dieses tauben „Erfinders“ einer Gebärdensprache kann wohl als die erste Aufzeichnung von Gebärden der Gehörlosen der modernen Zeit angesehen werden. Das Schriftsystem entwickelte sich immer weiter vom ursprünglichen Movement writing weg und wurde an die Erfordernisse einer gebärdenbeschreibenden Schrift angepasst. Auch die Gesten und die Mimik hörender Dänen wurden seitens der durch von der Lieth geleiteten Forschungsgruppe mittels der Symbole von SignWriting erfasst.
Von 1975 bis 1979 arbeitete Valerie Sutton in der Tanzabteilung des Konservatoriums Boston. Währenddessen entwickelte sie ihr SignWriting weiter, als sie mit der New-England-Sign-Language-Forschungsgruppe zusammenkam. 1977 lernten erstmals taube Erwachsene, Schauspieler des National Theatre of the Deaf, das SignWriting. 1979 arbeitete sie für das National Technical Institute for the Deaf, das Schriften zur American Sign Language herausbringt, die in SignWriting bebildert sind.
Ab dem Herbst 1981 wurde der SignWriter, eine vierteljährliche Zeitschrift mit Texten in SignWriting, herausgebracht. Dadurch, dass sie in einer regulären, periodischen Publikation genutzt wurde, wurde SignWriting vereinfacht, um den Erfordernissen für eine schnelle und leichte Schreibung gerecht zu werden. Das Projekt wurde 1984 aufgegeben, weil der Aufwand – alle Zeichen mussten per Hand geschrieben werden – bei Weitem den Nutzen überstieg.
1986 wurde das Computerprogramm SignWriter geschrieben und veröffentlicht.
Seit den 1980er Jahren gibt es die verschiedensten Anleitungen, Wörterbücher usw. zu SignWriting, auch eine Kursiv- und eine Stenografieschrift wurden entwickelt.
Seit 1985 wird aus Sicht des Gebärdenden statt aus Sicht des Beobachtenden geschrieben, und seit 1997 wird SignWriting offiziell in Spalten von oben nach unten geschrieben.
1999 fand Stefan Wöhrmann den Kontakt zu Valerie Sutton. Er lernte dort die Grundlagen von SignWriting und stellte 2001 eine Mundbildschrift dafür vor. Im Rahmen seiner Lehrtätigkeit nutzte er SignWriting am Landesbildungszentrum in Osnabrück. 2005 stellte er eine Übersetzung des englischen Handbuchs in deutsch vor.[6]
Digitale Unterstützung und Nutzung der GebärdenSchrift in Deutschland
2009 wurde das Projekt „Deutsch lernen mit Gebärden Schrift“[7] von der Workplace Solutions GmbH (WPS) und der Universität Hamburg mit Förderung durch das Integrationsamt Hamburg und den Europäischen Sozialfonds gestartet. Praktischer Ausgangspunkt dieses Projektes ist die hohe Quote gehörloser Menschen mit geringer Literalität – also sehr defizitärer Lese- und Schreibkompetenz. Expert:innen schätzten diese Quote auf 50 %.[8] Diese hohe Quote Gehörloser mit geringer Schreib-/Lesekompetenz wurde als schwerwiegendes Defizit für die berufliche Integration eingeschätzt. Die Antragsteller:innen entwickelten zu der Bekämpfung dieses Defizits ein Konzept für einen verbesserten, berufsbegleitenden Schriftsprachunterricht für erwachsene gehörlose Menschen. Dieser moderne Schriftsprachunterricht basiert auf der kontrastiven Gegenüberstellung von Deutscher Gebärdensprache und Deutscher Schriftsprache. Hierzu werden z.B. ganze Sätze in DGS, verschriftlicht mittels der Gebärdenschrift, und Deutsch gegenübergestellt. Damit können grammatikalische Strukturunterschiede sichtbar gemacht werden. Der flüchtige Charakter der Gebärdensprache wird mit der Verschriftlichung überwunden. Die Unterrichtserfahrungen mit dieser Methode sind erstaunlich positiv. Gehörlose verstehen wichtige grammatikalische Unterschiede der beiden Sprachen in 60 – 80 Unterrichtsstunden mit gutem Ergebnis. Dies zeigen jedenfalls die praktischen Erfahrungen mit knapp 250 gehörlosen Kursteilnehmer:innen zwischen 2014 und 2019 in zwei Projekten.[9]
In diesem ersten Projekt „delegs I“ (2009 - 2011) wurde die erste Fassung des delegs-Editors programmiert.[10] Dieser ist eine Onlineplattform zur Erstellung von Texten in Gebärdenschrift, die kostenfrei und ohne Installation unter https://apps.delegs.de/delegseditor/ nutzbar ist.
Im zweiten Projekt „delegs II“ (2014 – 2017) wurde die Unterrichtsmethode des kontrastiven DGS-Deutsch-Unterrichts entwickelt und erprobt. Bei der Methode lernen Teilnehmende mithilfe der Gebärdenschrift neue Wörter und Sätze sowohl in DGS (Deutscher Gebärdensprache) und in Deutsch. Die beiden Sprachen werden kontrastiv gegenübergestellt, um Unterschiede, z.B. in der Syntax, aufzuzeigen (siehe Schaubild oben). Ziel ist es, den Wortschatz der Teilnehmenden auf- und auszubauen und ein Sprachbewusstsein für beide Sprachen zu entwickeln. Für den Unterricht wurden insgesamt 378 Lern- und Lehrmaterialien zu den Bereichen Bekleidung, Bauzeichner:in/Bauwesen, Einzelhandel, Gärtnerei/Landschaftsbau, Gesundheit/Pflege, Hauswirtschaft, Koch/Lebensmittel, Maler:in, Spedition/Logistik, Tischler:in/Schreiner:in, Versicherung, Verwaltung und Zahntechnik erstellt. Für die technische Unterstützung wurde der delegs-Editor weiterentwickelt. Das Projekt wurde von der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW), der Universität Hamburg und der WPS durchgeführt.[9]
GebärdenSchrift und digitale Fachgebärdenlexika
Während des dritten Projekts „delegs III“ (2018 – 2021) fand die Gebärdenschrift auch in der Lexikonarbeit Anwendung. In Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle und der WPS wurde das Sign2MINT-Lexikon mit über 5000 Fachgebärden aus den Bereichen Physik, Chemie, Mathematik, Biologie, Medizin, Geologie, Informatik und Astronomie erstellt.[11] Die Fachgebärden wurden mittels der Gebärdenschrift verschriftlicht, wodurch die Funktion einer leistungsstarken GebärdenSuche angeboten werden kann.[12] Wenn Nutzer:innen eine MINT-Fachgebärde kennen oder in einem anderen Kontext gesehen haben, aber den deutschen Fachbegriff nicht kennen bzw. sich unsicher sind, wie er korrekt geschrieben wird, können sie die GebärdenSuche nutzen. Die GebärdenSuche umfasst folgende Suchkomponenten: Handform, Art der Zweihändigkeit (2-Hand), Lokation und Art des Kontaktes (mit anderen Körperteilen) sowie Bewegung. Die GebärdenSuche ist dabei an die Gegebenheiten der DGS angepasst. Sobald Nutzer:innen einen Faktor eingrenzen, werden Gebärden, die diesem Faktor entsprechen, ausgewählt und in einer Ergebnisliste angezeigt.[13] Für die innovative Lexikonarbeit und die GebärdenSuche wurde dem Projektnehmer WPS am 06. April 2022 der Hamburger Innovationspreis verliehen. Dieser würdigt Unternehmen, die sich in herausragender Weise für die Beschäftigung und/oder Ausbildung von Menschen mit Behinderungen einsetzen.[14]
Aktuelle Erweiterung der Gebärdenschriftnutzung
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales fördert seit 2021 bis 2025 erneut ein Projekt zur Förderung der beruflichen Eingliederung gehörloser Menschen durch digitale Hilfen. Es soll das Lexikon Sign4All mit beruflichen Fachgebärden erstellt werden. Das neue erweiterte Fachgebärdenlexikon wird in Zusammenarbeit mit betrieblichen Partnern und Partnern im Berufsbildungssystem erarbeitet. So besteht z.B. mit Airbus Hamburg eine Kooperation für einen Lexikonteil „Luftfahrtindustrie“. Im neuen Lexikon sind ähnlich wie bei Sign2MINT Gebärdenvideos und Verschriftlichungen aller Gebärden enthalten. Auf dieser technischen Basis wird auch die Funktion der GebärdenSuche weiterhin etabliert. Im Rahmen dieses Projekts „Digitale Unterstützung der beruflichen Eingliederung gehörloser Menschen“ (2021-2025)[15] wird auch die Gebärdenschrift modernisiert. Ziel ist es, die Gebärdenschrift moderner und ikonischer zu gestalten, damit sie besser lesbar und von der tauben Gemeinschaft mehr verwendet wird. Außerdem werden die Deutschkurse mit dem kontrastiven DGS-Deutsch Unterricht von der Fortbildungsakademie der Wissenschaften (FAW) weiterentwickelt[16]. Das Projekt wird von der Firma malt|harms GmbH, der Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut, der IT-Firma Open Mind Software GmbH, Workplace Solutions (WPS) GmbH und der FAW mit Förderung durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) durchgeführt. Das BMAS setzt dafür Mittel des Ausgleichsfonds (§ 161 SGB IX) ein, die von den Arbeitgebern nach § 160 SGB IX zu entrichten sind, die ihre Beschäftigungspflicht nach § 154 SGB IX nicht oder nicht voll erfüllen.
Aufbau
Mithilfe der GebärdenSchrift werden Gebärden anhand folgender Komponenten beschrieben: Handform, Bewegung, Lokation, Art des Kontaktes und Art der Zweihändigkeit. SignWriting hat drei Grundhandformen: die Flachhand, die offene Faust und die geschlossene Faust.[17][18] Für die GebärdenSuche auf Sign2MINT wurden die Handformphoneme der DGS berücksichtigt. Diese basieren auf der linguistischen Analyse von Papaspyrou et al. (2008)[19]. Wenn für die Ausführung der Gebärde zwei Hände benötigt werden, kann ein Symbol hinzugefügt werden, wie die Hände miteinander interagieren. So können beide Hände beispielsweise eine Bewegung in Kontakt ausführen. Zusätzlich kann beschrieben werden, wie der Kontakt der dominanten Hand mit der nicht-dominanten Hand oder einem anderen Körperteil aussieht. Diese Variable unterteilt sich in einen einfachen Berührungs-, einen Wisch-, einen Reibe- und einen Greifkontakt. Außerdem kann die Lokation am Körper mithilfe von Symbolen für den Kopf, Hals, Rumpf und Arm dargestellt werden. Die Bewegung der Hände kann in zwei Kategorien eingeteilt werden: einfache Bewegungsspuren (bspw. gerade, wellenartig, kreisförmig) und komplexe Bewegungsspuren (Unterarmrotation mit und ohne Spurbewegung, Handgelenksbewegung, Fingerbewegung). Im Pfeilschaft wird angezeigt, ob die Bewegung auf der Fensterebene (vertikal vor dem:der Gebärdenden), der Tischebene (horizontal vor dem:der Gebärdenden) oder der Ruderbootebene (im Gebärdenraum nach vorne oder hinten) durchgeführt wird. Dabei ist es wichtig, sich zuerst Gedanken über die Parameter der Gebärde im Gebärdenraum zu machen, um dann die Gebärden notieren zu können. Zusätzlich kann noch das deutsche Mundbild nach den Vorgaben von Stefan Wöhrmann (2005)[17] eingefügt werden.
Unterschied zu HamNoSys
SignWriting und HamNoSys[20] sind sich in ihrem Grundkonzept zur Verschriftlichung mit Symbolen sehr ähnlich. Für beide Gebärdenschriften haben sich aber für die einzelnen Parameter unterschiedliche Symbole herausgebildet. Das HamNoSys wird zu dem eher diakritisch hintereinander von links nach rechts geschrieben. Es ist also nicht so kompakt holistisch wie SignWriting. Ursprünglich ist das HamNoSys für die internationale Linguistik gedacht gewesen. SignWriting war dagegen schon immer für die internationale Allgemeinheit gedacht.
HamNoSys
Geschichte
1984 entwarf Siegmund Prillwitz an der Forschungsstelle für die Deutsche Gebärdensprache an der Universität Hamburg das Hamburger Notationssystem, kurz HamNoSys. Er veröffentlichte das HamNoSys aber erst 1987 am Zentrum für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser.[21] Diese erste Version ist vermutlich komplett auf Papier veröffentlicht wurden. Eine 2. Version wurde mit 150 Symbolen für den Apple Macintosh 1989 bzw. 1996 veröffentlicht.[22][23] 2001 wurde eine 3. Version mit 200 Symbolen veröffentlicht.[24] HamNoSys 4.0 folgte 2010 mit 650 Symbolen.[25]
Version 1
Zu dieser Version ist nicht viel bekannt. Vermutlich beinhaltete sie bereits den Zeichensatz der Version 2. Das Ganze geschah wahrscheinlich handschriftlich und in Version 2 wurde kurz danach nur der technische Teil ergänzt.
Version 2
Die 2. Version entwickelt sich im Vergleich zur 1. Version vermutlich nicht so stark weiter und wird wahrscheinlich nur zum computerunterstützten Notationssystem zur generellen Notation von Gebärdensprachen modifiziert. Dafür wurden für den Apple Macintosh die Computerprogramme „H.A.N.D.S., SyncWriter und HamNoSys Editor“ konzipiert. Eine spezielle Tastatur für HamNoSys wurde ebenfalls entwickelt.
Bekannt ist, dass hier 150 Zeichen zur formalen Beschreibung von Gebärdensprachen auf phonetischer Ebene vorhanden sind. Diese 150 Zeichen wurden für die 4 Parameter und die Mimik genutzt. Zuerst werden die Handformen in die 4 Klassen „Faust, Flachhand, Einzelfinger, Daumenverbindung“ eingeteilt, wodurch eine Festlegung von Symbolen zur Entwicklung bzw. Ableitung von Handformen leichter möglich ist. Pfeile wurden für die Handstellung mit genauer Anzeige von Unterschieden in der Stellung von Fingern, Handfläche und Handgelenk entwickelt. Zur räumlichen Verortung, der Ausführungsstelle, von Gebärden wurden Symbole für die einzelnen Körperteile von Kopf bis Fuß inklusive für Berührungspunkte an Fingern und Händen geschaffen. Bei dem letzten benötigten Parameter Bewegung wurde zur räumlichen Abbildung zwischen geraden, gewölbten und kreisförmigen Bewegungen unterschieden. Dies wird ebenfalls durch Pfeile angezeigt. Zusätzliche Symbole wurden für Geschwindigkeit, Intensität und Dauer geschaffen. Neben diesen manuellen Parametern wurde auch die Mimik als nonmanuelles Parameter einbezogen. Hierbei wurde zwischen lexikalischer Mimik für 1 Gebärde und syntaktischer Mimik für den Bezug auf einen Satz sowie Satzteil unterschieden. Zuletzt wurden Symbole für die Kopfhaltung zur Angabe der Fingerrichtung ausgearbeitet und in die Mimik integriert.
Zusammenfassend beginnt eine HamNoSys-Gebärde hintereinander, von links nach rechts geschrieben, mit dem Handformsymbol, danach folgt der Handstellungspfeil, als nächstes kommt das Ausführungssymbol, als viertes folgt der Bewegungspfeil um dann vom Mimiksymbol abgelöst zu werden, worauf zum Schluss das Kopfhaltungssymbol folgt.
Version 3
Die 200 Symbole der 3. Version sind in den meisten Fällen einer eindeutigen Klasse einer beschrieben Handform zugeordnet. Die Zeichenform ist meist so gewählt, dass ein ikonischer/bildhafter Bezug zum Bezeichneten möglich ist. Hier kann man erstmals Zwischen- und Übergangsformen zweier notierbarer Handformen bezeichnen um graduelle Abstufungen abzubilden, die z. B. in der Thailändischen Gebärdensprache besonders verwendet werden.
Eine HamNoSys-Notation für eine Gebärde besteht grundsätzlich aus einem Symmetrie-Operator, einer Anfangskonfiguration und Aktionen (Bewegung). Die Anfangskonfiguration wird nochmal in die Kategorien non-manuelle Komponente, Handform, Handstellung und Lokation (Ausführungsstelle) unterteilt. Zu einer Einzelgebärde gehört immer die Anfangskonfiguration und die Aktion. Die Aktion kann dabei durch ein zeitliches Nach- bzw. Nebeneinander die Parameter der Anfangskonfiguration verändern. Der Symmetrie-Operator wird zusätzlich bei zweihändigen Gebärden vor die Anfangskonfiguration geschrieben. Durch ihn ist ersichtlich, wie die dominante und nichtdominante Hand gebärden. Bei einer Standardgebärde können allerdings der Symmetrie-Operator, die non-manuellen Komponenten und die Lokation entfallen.
Die Notation der Handformen setzt sich aus den Symbolen der 6 spezifizierten internationalen Grundformen (Faust, Flachhand, Zeigehand, U-Hand, V-Hand, Vierfingerspreizhand) und diakritischen Zeichen für die Daumenstellung und der Beugung zusammen. Angaben von Abweichungen bezüglich der beteiligten Finger sowie Fingerteile ist natürlich möglich. Durch die Vielzahl an Kombinationsmöglichkeiten sollen möglichst alle Handform der bisher erforschten Gebärdensprachen notierbar sein. Diese Version hat aber noch Lücken in ihrer Vollständigkeit, sodass diese für die folgenden Versionen erst noch entwickelt werden müssen.
Die Handstellung ist über die Kombination von den beiden Komponenten Fingeransatzrichtung und Handflächenorientierung festgelegt. Die Fingeransatzrichtung bekommt hier ersten 2 Freiheitsgrade und die Handflächenorientierung bekommt 1 Freiheitsgrad. Durch die systematische Staffelung dieser beiden Komponenten im 45°-Raster ergibt sich eine räumliche Ausrichtung der Hand. Es wird aber immer aus der Sicht des Gebärdenden notiert. Die 3 bei der Handstellung verwendeten Perspektiven werden durch Pfeilspitzen und senkrechte bzw. waagerechte Striche gekennzeichnet. Striche werden auch bei der Bezeichnung von Bewegungen verwendet. Auf redundante Symbole wurde hier verzichtet. Die so bestehende Rangfolge bestimmt aus welcher Sicht das Symbol erzeugt wird. Der dritte Freiheitsgrad wird entsprechend dem 45°-Raster nur aus 8 Symbolen ausgewählt. Über die Fingeransatzrichtung wird die Bedeutung eines Symbols hauptsächlich definiert. Die Bedeutung der anderen Symbole ergibt sich dann eher aus der Rotation daraus.
Die Lokation der Hand wird auch auf zwei Faktoren verteilt. Der erste Komponent lokalisiert die Hand auf der Frontalebene (X-/Y-Achse). Danach bestimmt die antero-posteriore Ausrichtung (Z-Achse) den 2. Komponenten. Fehlt die Angabe der Z-Achse allerdings, geht man von einem normalen Handabstand zum Körper aus. Sind dagegen beide Faktoren nicht vorhanden, geht man hier von einem normalen Handabstand zum Oberkörper aus. Bei einer zweihändigen Gebärde kann die Lokation zusätzlich das Verhältnis beider Hände zueinander beschreiben.
Aktionen sind dagegen eine Kombination translatorischer und stationärer Bewegungen der Hand. Translatorische Aktionen sind hier geradlinige oder gewölbte Bewegungen, Zickzack- oder Schlangenlinien genauso wie Kreisbewegungen und davon abgeleitete Bewegungen. Hier findet das 45°-Raster auch Anwendung. Zusätzlich wird hier noch zwischen absoluten Bewegungen mit Angabe einer Ziellokation und relativen Bewegungen unterschieden. Die stationären Bewegungen ersetzen dagegen schnelle nicht klar differenzierbare Handformen. Allen Bewegungskomponenten können Diakritika für Größenangaben hinzugefügt werden. Ebenso kann zwischen der Häufigkeit der Wiederholungen unterschieden werden. Eine einfache Hintereinanderreihung wird dagegen, außer in eckigen Klammern, nacheinander ausgeführt.
Zweihändige Gebärden haben grundsätzlich zuerst eine Symmetriemarkierung um die Handaktionen der beiden Hände zu verstehen.
Es wird sich vorrangig auf die manuellen Aktivitäten einer Gebärde konzentriert. Die non-manuellen Komponenten können dagegen nur teilweise beschrieben werden. Das ist für eine lexikalische Verwendung kein Problem. Eine Transkription wird dagegen erschwert.
Der HamNoSys-Editor wurde auch für Unkundige einsetzbar modifiziert.
Zusammenfassend besteht eine HamNoSys-Gebärde demnach aus einem Symmetrie-Operator, einer Handform, einer Handorientierung, einer Handstellung, einer Lokation und einer Aktion.
Version 4
Die aktuelle 4. Version hat mehr als 100 Handformen und insgesamt mehr als 650 Symbole. Hier gibt es 12 Handformklassen und 12 Basishandformen.
Es gibt in dieser Version 12 Basishandformen[26]. Darunter sind die 6, schon aus Version 3 bekannten, offenen Handformen. Zusätzlich gibt es hier 6 Daumenverbindungen (kleine C-Hand, C-Hand, offene F-Hand, kleine O-Hand, Mithand, F-Hand). Des Weiteren wird in die 2 Oberklassen aktive Finger und Daumen-Finger-Oppositionen eingeteilt. Es gibt danach die 12 Klassen „Faust, Ein Finger, Zwei Finger geschlossen, Zwei Finger gespreizt, Flachhand (vier Finger geschlossen), Vier Finger gespreizt, Ein Finger die anderen in Faustposition, Zwei Finger (geschlossen) die anderen in Faustposition, Vier Finger (geschlossen), Vier Finger (gespreizt), Ein Finger die anderen gestreckt (und gespreizt)“. Die Kategorien „Aktive Finger gestreckt, Aktive Finger abgewinkelt, Aktive Finger gebogen, Aktive Finger gekrümmt, Ableitungsbeispiele, Opposition Fingerspitze-Daumenspitze bei gerundeten Fingern, Opposition Fingerspitze-Daumenspitze bei abgewinkelten Fingern, Opposition Fingerspitze-Daumenspitze bei überstreckten Fingerendgelenken, Opposition Fingerspitze-Daumenendgelenk, Opposition Fingerspitze-Daumengrundgelenk, Ableitungsbeispiele“ sind ebenfalls vorhanden. Es gibt außerdem neue Möglichkeiten unregelmäßige Fingerpositionen zu notieren. Der Rest war schon in Version 3 vorhanden.
Weblinks
- Webseite GebärdenSchrift in Deutschland
- Offizielle Einstiegsseite zu den SignWriting-Projekten (en)
- SignWriting-Symboldatenbank Sutton's SymbolBank: ISWA 2010 (en)
- SignWriting-Gebärdendatenbank SignPuddle Online (en)
- Kostenlose Computerschriften für SignWriting
- Kathrin Brede: Ein weiter Weg für die Gebärdenschrift. Aktion Mensch, 19. November 2009, abgerufen am 23. Juli 2010.
- Unicode-Kodierung von SignWriting (en)
- Offene GebärdenSchrift-Plattform für Gebärden- und Lautsprachen delegs (de, en, fr, etc.)
Einzelnachweise
- Michaela Stiedl, Bakk. phil.: Von der Gebärde zur Aufzeichnung - Möglichkeiten der Terminologieerfassung der österreichischen Gebärdensprache für Gebärdensprach-DolmetscherInnen. In: Masterstudium Dolmetschen Französisch Englisch. Nr. 065345342. Wien 2011, S. 56–92.
- Uni Hamburg, HamNoSys, abgerufen am 10. Juli 2017
- ASL Font: Ways to Write ASL. Abgerufen am 10. Juli 2021.
- gebaerdenschrift.de
- Startseite. In: (Nachricht vom 13.07.2021). Abgerufen am 20. Juli 2021.
- Inhaltsangabe - Verlag Birgit Jacobsen. Abgerufen am 10. Mai 2022.
- https://delegs.de/
- Hubert Wudtke: Schriftspracherwerb bei gehörlosen Kindern. Ein Rätsel für die Pädagogen. In: Grundschule Sprachen. Nr. 2, 2001, S. 34–35.
- Hans-Günther Ritz, Jörn Koch, Barbara Hänel-Faulhaber, Björn Hagen, Anja Englert: Abschlussbericht der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) gGmbH, Schriftspracherwerb gehörloser Menschen zur Förderung der Teilhabe am Arbeitsmarkt. (digitale-unterstuetzung-gehoerloser-menschen.de [PDF]).
- https://apps.delegs.de/delegseditor/
- https://sign2mint.de/
- https://sign2mint.de/page/gebaerdensuchinformation
- Ingo Barth, Britta Illmer, Robert Jasko, Jana Löffler, Uta Meißner: Entwicklung eines MINT-Fachgebärdenlexikons: Von der Idee bis zur Umsetzung des „Sign2MINT“-Projekts. In: Das Zeichen. Band 36, Nr. 119, 2022 (das-zeichen.online).
- Hamburger Innovationepreis. Gehörlosenverband Hamburg, 25. April 2022, abgerufen am 26. Januar 2023.
- https://digitale-unterstuetzung-gehoerloser-menschen.de/
- https://www.faw.de/digitale-berufliche-eingliederung-gehoerloser-menschen
- Stefan Wöhrmann: Handbuch zur GebärdenSchrift Lehrbuch. Hamburg 2005, ISBN 978-3-9809004-2-3.
- GebärdenSchrift-Tutorial. Abgerufen am 20. Juli 2021.
- Chrissostomos Papaspyrou, Alexander von Meyenn, Michaela Matthaei, Bettina Herrmann: Grammatik der Deutschen Gebärdensprache aus der Sicht gehörloser Fachleute. Signum, Hamburg 2008.
- Writing the Same Signs in Different Transkription Systems (Nr.15). Abgerufen am 23. Juni 2021 (englisch).
- Thomas Hanke: HamNoSys - Representing Sign Language Data in Language Resources and Language Processing Contexts. Hrsg.: University of Hamburg. 2004.
- Signum Verlag: HamNoSys Version 2 Englisch. Abgerufen am 21. Juli 2021.
- Institut der deutschen Wirtschaft Köln REHADAT: Suche | REHADAT. Abgerufen am 21. Juli 2021.
- 1 HamNoSys im Ueberblick. Abgerufen am 21. Juli 2021.
- HamNoSys - DGS-Korpus. Abgerufen am 21. Juli 2021.
- Thomas Hanke: HamNoSys 4 Handshapes Chart. Hrsg.: University of Hamburg. Hamburg 10. Juni 2010.