SSB ZT 4.2
Der ZT 4.2 ist ein meterspuriges Triebfahrzeug der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB), das die Vorgängerbaureihe ZT 4 auf der Zahnradbahn Stuttgart im Herbst 2022 teilweise abgelöst hat und im Frühjahr 2023 vollständig ablösen soll. Die Bezeichnung „ZT 4.2“ steht für „Zahnrad-Triebwagen mit vier Achsen der zweiten Generation“. Der Zahnradantrieb ist für eine einlamellige, leiterförmige Zahnstange nach dem System Riggenbach in Gleismitte und auf gleicher Höhe mit der Schienenoberkante konstruiert.
| SSB ZT 4.2 | |
|---|---|
![]() SSB ZT 4.2 in Degerloch SSB ZT 4.2 in Degerloch | |
| Nummerierung: | 1101–1103 |
| Anzahl: | 3 |
| Hersteller: | Stadler Rail |
| Baujahr(e): | 2021 |
| Achsformel: | 1Az´ Az1´ |
| Spurweite: | 1000 mm (Meterspur) |
| Länge über Kupplung: | 20.100 mm |
| Höhe: | 3.890 mm |
| Breite: | 2.650 mm |
| Leermasse: | 29,6 t |
| Höchstgeschwindigkeit: | 30 km/h (betrieblich), 40 km/h (technisch) |
| Dauerleistung: | 480 kW |
| Zahnradsystem: | Riggenbach |
| Stromsystem: | 750 V Gleichstrom |
| Stromübertragung: | Oberleitung |
| Kupplungstyp: | Scharfenbergkupplung |
| Sitzplätze: | 44 + 7 Klappsitze |
| Stehplätze: | 71 (4 P/m²) |
| Fußbodenhöhe: | 400 mm (Niederflurbereich), 1.000 mm (Hochflurbereich) |
Vorgeschichte
Die neuen Wagen ersetzen die bisherigen Fahrzeuge von 1982 der Generation ZT 4, die laut den SSB das Ende ihrer technischen und wirtschaftliche Lebensdauer erreicht haben. In den letzten Betriebsjahren der älteren Generation gab es zunehmend Ausfälle und die Wagen seien „am Ende der Stetigkeit etlicher Baugruppen bei Druckluft oder Klimaanlage angekommen“. Dadurch sei zwar die Sicherheit nicht gefährdet, dennoch könnten die Wagen mit solchen Einschränkungen nicht mehr dauerhaft am Betrieb teilnehmen.[1]
Der Stuttgarter Gemeinderat hatte bereits im Juli 2017 einen Investitionszuschuss in Höhe von 2,5 Millionen Euro pro Triebwagen für die Beschaffung beschlossen. Zusätzlich gab es vom Land Baden-Württemberg eine Förderung von einer Million Euro je Triebwagen.
Lieferant der neuen Fahrzeuge ist der Schweizer Konzern Stadler Rail, der in seinem Werk in Bussnang maßgeschneiderte Spezialfahrzeuge herstellt und bereits die neusten Stadtbahn-Generationen gefertigt hatte. Die SSB bestellten dort Ende 2018 für 19,3 Millionen Euro drei ZT 4.2 und drei Vorstellwagen für die Fahrradmitnahme inklusive einem Ersatzteilpaket.[2] Im Jahr 2016 war das erste Konzept des Projektes entworfen worden, 2019 startete die Konstruktion der Fahrzeuge.[3]
Die drei Zuggarnituren (jeweils Triebwagen und Fahrradvorstellwagen) kamen Ende September 2021 (TW 1101), im Februar 2022 (TW 1102) und Ende Juli 2022 (TW 1103) per Schwertransport mit Spezialtieflader nach Stuttgart.[4][5][1] Das Regierungspräsidium Stuttgart erteilte am 21. Juli 2022 die Zulassung der neuen Fahrzeuge, sodass mit Ausbildungs- und Schulungsfahrten begonnen werden konnte.[6][3] Die Lebensdauer der ZT 4.2 ist auf etwa 40 Jahre angesetzt.[5]
Indienststellung und Einsatz
Der Einsatz im Fahrgastbetrieb begann mit Triebwagen 1102 und Fahrradvorstellwagen 1111 am 8. Oktober 2022 mit einer kleinen Feierstunde.[7][8] Wagen 1103 folgte Mitte Dezember desselben Jahres; bis dahin verkehrte Wagen 1102 im Mischbetrieb mit den beiden verbliebenen ZT 4.[9] Nach der Indienststellung des letzten Wagens im Frühjahr 2023, ist für den 15. Mai eine Festveranstaltung mit der „Taufe“ aller drei neuen Einheiten auf Namen mit örtlichem Bezug entlang der Strecke geplant.[10][11]
Der erste Wagen (TW 1102) hatte in seinen ersten Betriebswochen einige Anlaufschwierigkeiten wie Türstörungen etc. weshalb zeitweise nur die alten ZT 4 im Einsatz waren.[12]
Der letzte Triebwagen ist der Prototyp, der im Herbst 2021 als erster angeliefert wurde und mit dem die ersten Probe- und Einstellfahrten absolviert wurden (TW 1101).[13] Dieser muss bis zu seiner Inbetriebnahme technisch an die anderen Triebwagen angeglichen werden. Bis zu seiner Überführung an die Zahnradbahnstrecke befindet sich dieser in der SSB-Hauptwerkstatt in Möhringen und ersetzt dann den vorletzten Triebwagen der Vorgängergeneration.[1]
Die Ablösung der bisherigen Fahrzeuggeneration durch die neue kann nur schrittweise erfolgen, da der Betriebshof im ehemaligen Filder-Bahnhof nur vier Fahrzeuggarnituren auf einmal aufnehmen kann, wobei zwei für den laufenden Betrieb benötigt werden und eine als Ersatz, während die vierte das vorgeschriebene Testprogramm auf der Strecke durchlaufen kann. Die Stuttgarter Verhältnisse sind weltweit einmalig, sodass die Fahrzeuge nirgendwo anders erprobt werden können. Die Tests werden außerhalb des Fahrgastverkehrs durchgeführt, zum Teil auch in der Nacht. Außerdem muss gleichzeitig das Personal der SSB auf der neuen Fahrzeuggeneration ausgebildet werden.[9][1]
Für einen niveaugleichen Einstieg in die partiell niederflurigen Fahrzeuge müssen die Bahnsteige einiger Haltestellen noch entsprechend umgebaut werden.[2][9] Topografisch bedingt haben die Haltestellen teils starke Längsneigung, daher sind die formalen Anforderungen der Barrierefreiheit weiterhin nicht herstellbar, unabhängig von den eingesetzten Fahrzeugen.[14]
Für den Unterhalt der neuen Wagen waren umfangreiche Umbauten an Werkstatt und Depot erforderlich, da mehr Aggregate auf dem Wagendach angeordnet sind. Dabei wurde der Werkstattteil erhöht, verlängert und erhielt eine neue Krananlage mit Dacharbeitsstand.[13][3]
Wagen 1102 vor seiner Einweihungsfahrt
Wagen 1103 bei einer Testfahrt
Ausstattung

Innenraum
Ein ZT 4.2 verfügt über 51 Sitzplätze, davon 7 Klappsitze. 17 der Sitzplätze befinden sich im Niederflurbereich zwischen den beiden Einstiegstüren.[15] Dieser verfügt außerdem über einen Mehrzweckbereich mit Platz für Kinderwagen und Rollstühle.[9] Die beiden Hochflurbereiche sind über Stufen im Wageninneren zugänglich. Das neue Modell hat mehr Stehplätze im Vergleich zum Vorgängermodell. Außerdem verfügt es über größere Panoramafenster und ist klimatisiert.[5]
Äußeres Erscheinungsbild

Der ZT 4.2 ist ein 20 Meter langer Vierachser mit einem Führerstand an jedem Ende. Seine Außenmaße entsprechen weitgehend denen der Vorgängergeneration ZT 4, da das bestehende Depot der Zahnradbahn keine Erweiterung zuließ. Optisch sind die ZT 4.2 an die ebenfalls von Stadler hergestellten Stadtbahnen vom Typ DT 8.12–15 angelehnt, einige Teile sind überdies sogar baugleich und können untereinander ausgetauscht werden, was zu einer Erleichterung der Logistik führt.
Die Fahrzeuge tragen an den Seiten jeweils zwei stilisierte halbe weiße Zahnräder über die gesamte Fahrzeughöhe, haben nachtblaue Türen und sind sonst vollständig im SSB-typischen ginstergelb gehalten. Dieses Design setzte sich gegen die anfangs angedachte, an den Stadtbahnen (DT 8) angelehnte Farbgebung mit durchgängig ginstergelbem Wagenkasten und nachtblauem Fensterband durch.[2]
Technik
Die Höchstgeschwindigkeit richtet sich nach Reihe 2 der schweizerischen Ausführungsbestimmungen zur Eisenbahnverordnung und beträgt bergwärts 30 km/h, talwärts je nach Gefälle 17, 21 oder 30 km/h. Das Fahrzeug ist für eine Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h konstruiert, die Strecke lässt jedoch nur 30 km/h zu. Die Einhaltung der Geschwindigkeit wird durch ein Zugsicherungssystem vom Typ Siemens ZUB 222 überwacht.
Darüber hinaus unterscheiden sich die Fahrzeuge durch umfangreiche technische Neuerungen von der Vorgängergeneration, wie beispielsweise eine sanftere Luftfederung, moderne Sicherheits- und Assistenzsysteme, ein Kamerasystem, das die Funktion der Rückspiegel übernimmt oder ein digitales Fahrgastinformationssystem im Innenraum.[8]
Technisch sind die Fahrzeuge doppeltraktionsfähig, was in der Praxis aus verschiedenen Gründen, insbesondere der unzureichenden Haltestellenlänge, jedoch nicht gebraucht wird.[16]
Fahrradvorstellwagen
Zusammen mit den Triebwagen bestellten die SSB bei Stadler drei Vorstellwagen für die Fahrradmitnahme für jeweils eine Million Euro, deren mechanischen Teil die Ferdinand Steck Maschinenfabrik AG in Bowil herstellte. Ihre Betriebsnummern sind 1111 bis 1113 und sie werden jeweils mit dem zugehörigen Triebwagen in Dienst gestellt. Sie sind vierachsig, 12 Meter lang und können 20 Fahrräder und ein dreirädriges Lastenfahrrad befördern. Das zweiachsige Vorgängermodell bot Platz für 10 Fahrräder bei einer Länge von 4 Metern. Ein Fahrradvorstellwagen wird auf der Bergseite über die automatische Frontkupplung mit dem Triebwagen verbunden. Er ist antriebslos und besitzt nur eine Feststellbremse.
Die Fahrradvorstellwagen verfügen über Abblendlicht, Tagfahrlicht, Fernlicht, Schlusslicht, Bremslicht, Blinker und eine Warnglocke. Um die Sichteinschränkung für den Fahrer zu kompensieren, befindet sich an der Front eines Fahrradvorstellwagens eine Kamera. Ein sensorgestütztes System erfasst bei der Anfahrt die Bereiche zwischen Triebwagen und Fahrradvorstellwagen und unmittelbar vor dem Fahrradvorstellwagen. Es kann das Anfahren des Fahrzeugs verhindern, was vom Fahrer übersteuert werden kann. Ein zweites Kollisionswarnsystem erfasst über einen Lidar-Sensor die Umgebung. Bei Hindernissen im Lichtraum löst es eine Warnung oder eine Schnellbremsung aus.[16]
Vorstellwagen 1111 mit Instrumenten und Licht an der Front
Kupplung von Fahrradvorstellwagen und Triebwagen
Beladener, bergwärts geschobener Vorstellwagen an der Liststraße
Literatur
- Niclas Wiesent, Michael Bergmann, Albrecht Großelindemann: Neue Fahrzeuge für die «Zacke» in Stuttgart – Technische Lösungen für eine innerstädtische Zahnradbahn. In: ZEVrail, 01–02/2022, S. 10 ff. und 03/2022, S. 84 ff.
- Detlev Martin, Hans-Joachim Knupfer: Stuttgarter Zahnradbahn – Neue Züge für die „Zacke“. In: Stadtverkehr 11/2021, S. 42 ff.
Weblinks
- Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB): Die neue Zahnradbahn für Stuttgart auf YouTube, 26. Januar 2023 (Doku).
Einzelnachweise
- „Helene“ zieht ins Straßenbahnmuseum ein. SSB AG, 26. Juli 2022, abgerufen am 22. Oktober 2022.
- Vieles neu bei der Zacke. SSB AG, 17. Dezember 2018, abgerufen am 21. Januar 2019.
- Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB): Die neue Zahnradbahn für Stuttgart auf YouTube, 26. Januar 2023, abgerufen am 5. Februar 2023 (deutsch).
- Neue Zacke in Stuttgart angekommen. In: SWR Aktuell. 1. Oktober 2021, abgerufen am 1. Oktober 2021.
- Neue Züge für die „Zacke“ – die zweite Zahnradbahn ist angekommen. In: Regio TV Stuttgart. 9. Februar 2022, abgerufen am 22. Oktober 2022.
- Regierungspräsidium lässt neue Wagen der Zahnradbahn zu. SSB AG, 21. Juli 2022, abgerufen am 22. Juli 2022.
- Joachim Thiel: Stuttgarter Zahnradbahn: Neue "Zacke" eingeweiht. In: SWR Aktuell. 8. Oktober 2022, abgerufen am 22. Oktober 2022.
- Tom Hörner: Im Herbst ist Schichtwechsel: So unterscheidet sich die neue Stuttgarter Zacke von der alten. In: Stuttgarter Zeitung. 15. Mai 2022, abgerufen am 19. Mai 2022.
- Zahnradbahn: Erster neuer Zug jetzt im Linienverkehr. SSB AG, 8. Oktober 2022, abgerufen am 22. Oktober 2022.
- Neue „Zacke“ in den Startlöchern. In: stuttgart.de. 6. Oktober 2022, abgerufen am 21. Oktober 2022.
- Am 13. Mai in Stuttgart Süd und Degerloch: „Taufe“ der Zahnradbahn - SSB AG. SSB AG, abgerufen am 3. Februar 2023.
- Stuttgarter Nachrichten, Stuttgart Germany: Nahverkehr in Stuttgart: Die Zahnradbahn zeigt Kinderkrankheiten. Abgerufen am 10. Dezember 2022.
- Stuttgarts Zahnradbahn: Neue Wagen im Bau. SSB AG, 8. März 2021, abgerufen am 16. April 2021.
- Julia Schenkenhofer: Zahnradbahn in Stuttgart: Die neue Zacke ist da – und bleibt vorerst im Betriebshof. In: StN.de (Stuttgarter Nachrichten). 6. Oktober 2021, abgerufen am 7. Oktober 2021.
- Neue Wagen für Stuttgarts Zahnradbahn vorgestellt. In: SSB AG. 6. Oktober 2021, abgerufen am 8. Oktober 2021.
- Niclas Wiesent, Michael Bergmann, Albrecht Großelindemann: Neue Fahrzeuge für die «Zacke» in Stuttgart – Technische Lösungen für eine innerstädtische Zahnradbahn – Teil 1. In: ZEVrail.de. Abgerufen am 20. Oktober 2022.
