George Santos
George Anthony Devolder Santos (* 22. Juli 1988)[1] ist ein US-amerikanischer Politiker der Republikanischen Partei und Hochstapler. Er wurde am 8. November 2022 im 3. Kongresswahlbezirk des Bundesstaats New York ins Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten gewählt.

Nach seiner Wahl berichteten mehrere Medien, darunter die New York Times, dass Santos große Teile seiner Biografie ausgeschmückt oder erfunden hat, darunter Angaben zu seiner Familiengeschichte und -status, Karriere, Eigentumsbesitz sowie Religionszugehörigkeit.[2][3] Gegen ihn laufen Ermittlungen mehrerer Strafverfolgungsbehörden.[4]
Leben und beruflicher Werdegang
Santos wurde als Kind brasilianischer Eltern in den USA geboren und besitzt (aufgrund des in beiden Ländern herrschenden Geburtsortsprinzips)[5] lediglich die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.[1] Er wuchs im New Yorker Stadtteil Queens auf, nach eigenen Angaben in ärmlichen Verhältnissen. Nach der Highschool verbrachte er mehrere Jahre in Brasilien. Dort soll er eine Karriere als Dragqueen verfolgt haben.[6] Aus dieser Zeit ist ein Verfahren wegen Scheckbetrugs beziehungsweise Veruntreuung gegen ihn anhängig. Er soll 2008 mit einem gestohlenen Scheckbuch in Niterói Kleidung im Wert von 700 US-Dollar gekauft haben.[1][7]
Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten arbeitete er zunächst von 2011 bis 2012 als Kundenbetreuer für den Fernsehsatellitenbetreiber Dish Network in College Point. Im Anschluss betrieb er bis 2018 eine angebliche Non-Profit-Organisation für Tierschutz, für die er über sein privates Facebook-Profil Spenden sammelte. Im Jahr 2016 gründete er ein Regionalbüro für das Start-up HotelPro in Florida.[8][9] 2019 arbeitete er als Vice President für LinkBridge Investors, bevor er während seiner ersten Kongresskandidatur 2020 zu Harbor City Capital wechselte.[2] Das Unternehmen, mit Sitz in Florida, ist im Bereich Alternative Investments tätig. Es wird gegen Harbor City Capital wegen eines illegalen Ponzi-Systems ermittelt.[10][11][12][13] Santos behauptete, dass er 100 Mio. US-Dollar für Harbor City Capital eingeworben habe. Dokumente der US-Börsenaufsichtsbehörde (SEC) weisen für das gesamte Unternehmen jedoch nur 17 Mio. US-Dollar aus.[14]
Santos ist katholisch, offen homosexuell und lebt nach eigenen Angaben mit seinem Ehemann zusammen. Bis 2019 war er jedoch mit einer Frau verheiratet, von der er sich zwei Wochen vor Bekanntgabe seiner Kongresskandidatur scheiden ließ.[15][16]
US-Repräsentantenhaus
Wahl
2020 kandidierte Santos das erste Mal für das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten. Im 3. Kongresswahlbezirk von New York (NY-03) unterlag er dem Demokratischem Amtsinhaber Thomas Suozzi mit 43,4 zu 55,9 Prozent.
Nachdem Suozzi zugunsten einer Kandidatur als Gouverneur von New York auf eine Wiederwahl verzichtet hatte, kandidierte Santos bei den Wahlen 2022 erneut im Wahlkreis NY-03. Diesmal konnte er seinen Demokratischen Herausforderer Robert Zimmerman mit 54 Prozent der Stimmen besiegen. Seine Amtszeit begann am 3. Januar 2023. Der von ihm vertretene Wahlkreis umfasst den Norden Long Islands sowie Teile von Queens und gehört zu den wohlhabendsten Kongresswahlbezirken in den USA.[17]
Ausschüsse
Trotz der um seinen Lebenslauf entstandenen Kontroversen und Forderungen anderer Abgeordneter, Santos in keinem Parlamentsausschuss zu platzieren, teilte ihn die entsprechende Steuerungsgruppe der Republikanischen Fraktion für den 118. Kongress folgenden Ausschüssen zu:[18]
- United States House Committee on Small Business (Mittelstandsausschuss)
- United States House Committee on Science, Space, and Technology (Ausschuss für Wissenschaft, Raumfahrt und Technologie)
Am 31. Januar kündigte Santos an, seine Mitgliedschaft in diesen Ausschüssen ruhen zu lassen.[19]
Vorwürfe der Biographiefälschung
Im September 2022 berichtete die Long Islander Wochenzeitschrift The North Shore Leader von Ungereimtheiten bei Santos Vermögensdeklarationen. Hatte er im Vorfeld seiner ersten Kongresskandidatur 2020 noch ein jährliches Einkommen von 50.000 US-Dollar und keine Vermögenswerte von mehr als 5.000 Dollar angegeben, so wiesen seine Angaben im Vorfeld der Wahl 2022 Vermögenswerte von 11 Millionen Dollar, darunter Immobilien in Rio de Janeiro aus. Gleichzeitig war kein Immobilienbesitz in den Vereinigten Staaten aktenkundig, obwohl Santos gegenüber Parteikollegen von einem Anwesen in den Hamptons gesprochen hatte, welches er veräußern wollte.[20] Bis zur Wahl am 8. November des gleichen Jahres wurde diese Story von keinem Medium aufgegriffen. Mehrere Wochen nachdem Santos die Wahl gewonnen hatte, veröffentlichte die New York Times am 19. Dezember 2022 eine Recherche, in der sie weite Teile von Santos Angaben zur eigenen Biographie widerlegte und als Fälschungen herausstellte.[2] In der Folge widmeten sich weitere Zeitungen, Fernsehsender und Online News-Portale den Vorfällen und förderten weitere Widersprüche zu Tage.[15][16][21]
Familiärer Hintergrund
Santos hatte mehrfach angegeben, Nachfahre ukrainischer Juden zu sein – seine Großeltern mütterlicherseits seien als Holocaust-Überlebende nach Brasilien emigriert. Recherchen des jüdisch-amerikanischen Magazins The Forward belegen jedoch, dass bereits Santos Urgroßvater aus Belgien nach Brasilien eingewandert war, die entsprechenden Großeltern sind beide in Brasilien geboren.[21]
Laut Santos war seine Mutter Führungskraft bei einer Finanzfirma in Manhattan. Zwischenzeitlich hatte er behauptet, seine Mutter sei bei den Anschlägen am 11. September 2001 im Südturm des World Trade Centers ums Leben gekommen. Später modifizierte er dieses Statement und gab stattdessen an, dass seine Mutter Fatima Devolder in eine Aschewolke geraten und ein paar Jahre nach den Anschlägen an den Folgen gestorben sei.[15] Santos Mutter starb erst 2016. Eine Tätigkeit in der Finanzbranche ist nicht belegt, stattdessen hätte sie als Putzfrau und Köchin gearbeitet und darüber hinaus nur Portugiesisch gesprochen.[3] Im Januar 2023 wurden Dokumente der Einwanderungsbehörde veröffentlicht, die belegen, dass Fatima Devolder zum Zeitpunkt der Anschläge nicht in den Vereinigten Staaten war.[22]
Ausbildung
Santos gab an, einen Bachelor-Abschluss vom Baruch College zu besitzen, später hätte er noch einen MBA von der New York University erhalten. In einem Gespräch mit dem lokalen Parteivorsitzenden seines Wahlbezirks prahlte Santos damit, dass er ein Star im Volleyballteam des Colleges gewesen sei.[23] Laut der New-York-Times-Recherche hat jedoch keine der beiden Universitäten Aufzeichnungen über einen Aufenthalt oder Abschluss Santos’.[2] In einem Interview mit der New York Post gab Santos zu, nie einen Abschluss von einer Universität oder vergleichbaren Institution erhalten zu haben.[4][24]
Karriere
Santos hatte angegeben, für die Investmentbanken Citigroup und Goldman Sachs gearbeitet zu haben. Keine der beiden Firmen verfügt jedoch über Aufzeichnungen, die ein Angestelltenverhältnis belegen könnten.[2] Santos räumte später ein, nie direkt bei diesen Firmen angestellt gewesen zu sein, sein tatsächlicher Arbeitgeber LinkBridge Investors habe jedoch eng mit den Finanzinstitutionen zusammengearbeitet.[24] In einem Podcast behauptete Santos 2022, er hätte bei der Entwicklung der CO2-Sequestrierung mitgeholfen (helped develop carbon capture technology).[25]
Religion
Während des Wahlkampfs hatte Santos sich als jüdisch bezeichnet und war in mehreren Synagogen aufgetreten. Nachdem Zweifel an diesen Angaben laut geworden waren, räumte er ein, katholischer Konfession zu sein, sich aber dem jüdischen Glauben und der Tradition aufgrund seines Familienhintergrundes sehr verbunden zu fühlen.[21]
Strafrechtliche Verfolgung
Nach Bekanntwerden der Vorwürfe kündigte die Bezirksstaatsanwältin von Nassau County, Anne Donelly am 28. Dezember 2022 an, Ermittlungen gegen Santos einzuleiten.[26] Zudem nahmen die brasilianischen Behörden das Verfahren wegen Veruntreuung und Scheckbetrugs wieder auf, welches seit 2013 auf Eis lag, nachdem Santos zu einem festgesetzten Gerichtstermin nicht erschienen war.[7]
Reaktionen
Nach dem Bekanntwerden der New-York-Times-Recherche dementierte Santos über seinen Anwalt die Vorwürfe gegen ihn zunächst. Nachdem weitere Ungereimtheiten in Bezug auf seine Biographie ans Licht gekommen waren, räumte er in einem Exklusivinterview mit der New York Post am 26. Dezember 2022 ein, seine Ausbildung und berufliche Laufbahn „ausgeschmückt“ zu haben, er sei jedoch kein „Krimineller“.[24] Der designierte Fraktionsführer der Demokratischen Partei Hakeem Jeffries erklärte, Santos sei für das Abgeordnetenhaus ungeeignet und solle sein Mandat nicht antreten. Weitere Demokraten forderten eine Untersuchung durch den Ethik-Ausschuss des US-Repräsentantenhauses. Reaktionen aus der Parteiführung der Republikaner blieben größtenteils aus, wohl auch aufgrund der knappen Mehrheitsverhältnisse im 118. Kongress.[27]
Ungeachtet dessen trat Santos sein Mandat am 3. Januar 2023 wie geplant an. Nachdem sich der 118. Kongress konstituiert hatte, forderten die neugewählten Republikanischen Abgeordneten aus New York Nick LaLota, Anthony D’Esposito, Mike Lawler und Nick Langworthy – zugleich Vorsitzender der Republikanischen Partei in New York – Santos zum Rücktritt auf. Auch die lokale Parteiorganisation der Republikaner aus Santos' Wahlkreis entzog ihm ihre Unterstützung und kündigte an, Bürgeranfragen aus seinem Wahlkreis an den Abgeordneten des Nachbarbezirks weiterzuleiten.[28]
Weblinks
- George Santos im Biographical Directory of the United States Congress (englisch)
Einzelnachweise
- Nelson Luis de Moraes Costa: Edital de citação. In: Editais e demais publicações do Diário de Justiça do Rio de Janeiro (DJRJ) de 7 de Outubro de 2013. Band V, Nr. 1699507, 7. Oktober 2013, S. 89 (portugiesisch, jusbrasil.com.br – öffentliches Ladungsedikt des 2. Strafgerichts für den Bezirk Niterói vom 7. Oktober 2013).
- Grace Ashford, Michael Gold: Who Is Rep.-Elect George Santos? His Résumé May Be Largely Fiction. In: The New York Times. 19. Dezember 2022, abgerufen am 3. Januar 2023 (englisch).
- Johanna Soll: Republikaner Santos ist auch privat ein Hochstapler und Wichtigtuer. In: Frankfurter Rundschau. 3. Januar 2023, abgerufen am 3. Januar 2023.
- NY Rep.-elect Santos admits lying about career, college. In: AP News. Associated Press, 27. Dezember 2022, abgerufen am 3. Januar 2023 (englisch).
- Afinal, o que é o brasileiro? - Ius sanguinis e Ius soli. In: Cultura e Economia Criativa. Museu da Imigração do Estado de São Paulo, 22. September 2021, abgerufen am 3. Januar 2023 (portugiesisch).
- Republikaner wollen Dragshows verbieten – Santos trat offenbar als Dragqueen auf. In: Der Spiegel. 23. Januar 2023, abgerufen am 23. Januar 2023.
- Jack Forrest: Brazilian authorities intend to revive fraud case against George Santos. In: cnn.com. CNN, 3. Januar 2023, abgerufen am 3. Januar 2023 (englisch).
- Grace Ashford, Michael Gold, Ellen Yan: George Santos’s Early Life: Odd Jobs, Bad Debts and Lawsuits. In: The New York Times. 23. Dezember 2022, abgerufen am 3. Januar 2023 (englisch).
- Jacqueline Sweet: George Santos' Former NY Coworkers Fill In Murky Biography. In: Patch. 22. Dezember 2022, abgerufen am 3. Januar 2023 (englisch).
- Andre Kaczynski, Em Steck: George Santos said accused 'Ponzi scheme' he worked at was '100 % legitimate' when accused of fraud in 2020 In: CNN, vom 13. Januar 2023, abgerufen am 22. Januar 2023
- Peter Weber: A running list of George Santos' apparent lies. In: theweek.com. 6. Januar 2023, abgerufen am 22. Januar 2023 (englisch).
- Byron Tau: WSJ News Exclusive – George Santos Raised Money for Company the SEC Says Was a Ponzi Scheme. In: wsj.com. 14. Januar 2023, abgerufen am 22. Januar 2023 (englisch).
- Julian Heißler: George Santos: Die Lügen haben ihn weit gebracht. In: zeit.de. 5. Januar 2023, abgerufen am 22. Januar 2023.
- Grace Ashford: How an Investor Lost $625,000 and His Faith in George Santos. In: The New York Times. 19. Januar 2023, abgerufen am 22. Januar 2023 (englisch).
- Hannah Demissie, Aaron Katersky: More parts of George Santos' background contradict, including details of mom's death. In: abcnews.com. ABC News, 30. Dezember 2022, abgerufen am 3. Januar 2023 (englisch).
- Roger Sollenberger: ‘Openly Gay’ Rep.-Elect George Santos Didn’t Disclose Divorce With Woman. In: The Daily Beast. 22. Dezember 2022, abgerufen am 3. Januar 2023 (englisch).
- New York's 3rd Congressional District. In: Ballotpedia. 27. Dezember 2022, abgerufen am 3. Januar 2023 (englisch).
- Six takeaways from House committee assignments so far. In: The Hill. 23. Januar 2023, abgerufen am 26. Januar 2023 (englisch).
- George Santos will Ausschussarbeit vorerst ruhen lasse. In: spiegel.de. 31. Januar 2023, abgerufen am 31. Januar 2023.
- Maureen Daly: Santos Filings Now Claim Net Worth of $11 Million. In: The North Shore Leader. Abgerufen am 3. Januar 2023 (englisch).
- George Santos Also Lied About His Grandparents Fleeing anti-Jewish Persecution During WWII. In: Haaretz. 21. Dezember 2022, abgerufen am 3. Januar 2023 (englisch).
- Michael Gold: George Santos’s Mother Was Not in New York on 9/11, Records Show. In: The New York Times. 18. Januar 2023, abgerufen am 19. Januar 2023 (englisch).
- Azi Paybarah: George Santos lied about being a volleyball ‘star,’ county GOP chair says. In: washingtonpost.com. 11. Januar 2023, abgerufen am 19. Januar 2023 (englisch).
- Victor Nava, Carl Campanile: Liar Rep.-elect George Santos admits fabricating key details of his bio. In: New York Post. 26. Dezember 2022, abgerufen am 3. Januar 2023 (englisch).
- Azi Paybarah, Camila DeChalus: The talented Mr. Santos: A congressman-elect’s unraveling web of deception. In: washingtonpost.com. 31. Dezember 2022, abgerufen am 22. Januar 2023 (englisch).
- USA: Ermittlungen gegen George Santos wegen gefälschtem Lebenslauf. In: Süddeutsche Zeitung. 29. Dezember 2022, abgerufen am 3. Januar 2023.
- Chandelis Duster: Nassau County Republican leader says allegations about George Santos’ resume are ‘serious’. In: cnn.com. CNN, 20. Dezember 2022, abgerufen am 3. Januar 2023 (englisch).
- New Yorker Republikaner fordern eigenen Hochstapler-Abgeordneten Santos zum Rücktritt auf. In: deutschlandfunk.de. Deutschlandfunk, 11. Januar 2023, abgerufen am 11. Januar 2023 (englisch).
