Lützerath

Lützerath war ein Weiler der Stadt Erkelenz in Nordrhein-Westfalen. Das Gelände steht im Eigentum des Unternehmens RWE Power.

Lützerath
Stadt Erkelenz
Höhe: ca. 95 m
Fläche: 36 ha
Einwohner: 3 (31. Dez. 2022)[1]
Bevölkerungsdichte: 8 Einwohner/km²
Postleitzahl: 41812
Vorwahl: 02164
Karte
Lützerath im Abbaubereich Tagebau Garzweiler
Lützerath von Südwesten vor dem Abrissbeginn (2019)
Lützerath von Südwesten vor dem Abrissbeginn (2019)
Westlicher Ortseingang aus Richtung Landstraße 277 im Januar 2018

Der Energieversorgungskonzern RWE ließ Lützerath im Januar 2023 vollständig abreißen, um den Tagebau Garzweiler auszudehnen. Die Umsiedlung des Ortes hatte 2006 begonnen und war im Oktober 2022 endgültig abgeschlossen. Gegen die Abbaggerung des Gebietes regt sich bis heute Widerstand. Unter Klimaschutzaktivisten entwickelte sich für den Ort der analog zum Diminutiv „Hambi“ für den Hambacher Forst gebildete Name Lützi.[2] Seit 2021 wurde in der Bundes- und Landespolitik vermehrt über den Erhalt des Weilers diskutiert. Anfang Oktober 2022 entschieden das Bundes- und das Landeswirtschaftsministerium endgültig, dass die Kohle unter dem Gebiet Lützeraths durch RWE Power bergbaulich in Anspruch genommen werden dürfe. Der Umsiedlungszielort war, wie für den bereits abgerissenen, unmittelbar südöstlich gelegenen Nachbarort Immerath, das weiter westlich gelegene neue Dorf Immerath (neu). Lützerath wurde also an anderer Stelle als eigenständiger Ortsteil nicht neu errichtet.

Geographische Lage

Im Norden grenzen Keyenberg und das bereits vollständig abgebaggerte Alt-Borschemich an Lützerath, im Osten Alt-Spenrath, im Süden Alt-Immerath und im Südwesten Holzweiler. Der Weiler liegt zwischen Düsseldorf und Aachen und ist von beiden Städten aus in rund 40 Minuten mit dem Pkw zu erreichen.

Geschichte

Der Ortsname

Die Ortschaft wurde erstmals 1168 in einer Urkunde als Lutzelenrode erwähnt. Aus dem Jahr 1651 ist der heutige Name überliefert. Die Form, wie sie in der urkundlichen Ersterwähnung angegeben ist, lässt sich als fossilisierte Dativform deuten, die im Althochdeutschen etwa als bi demo luzzilen rode, d. h. „bei der kleinen Rodung“, zu rekonstruieren ist. Althochdeutsch luzzil entspricht etymologisch dem nicht mehr gebräuchlichen neuhochdeutschen Wort lützel, d. h. klein (vgl. englisch little oder plattdeutsch lütt). Der Umlaut ist als i-Umlaut, also durch regressive Assimilation des u an das ehemalige i in der Nebensilbe entstanden.[3][4] Eine andere Deutung ist, dass in dem Ortsnamen der althochdeutsche Personenname Lutzelin, abgeleitet von Luzo (Ludwig), enthalten sei, wonach der Name „Rodung des Luzelin“ bedeute. Wie Immerath und weitere benachbarte Ortschaften gehört der Weiler zur Gruppe der Ortsnamen mit dem Suffix -rath.

Römerzeit

Im September 2021 wurde an der Abbaukante des Tagebaus eine römische Aschenkiste aus der 1. Hälfte des 3. Jahrhunderts entdeckt. Sie befand sich im Gebiet einer 2020/2021 entdeckten Villa rustica. Die vom Schaufelradbagger teils zerstörte Steinkiste maß ursprünglich etwa 145 × 90 cm, bei einer Höhe von 75 cm. Geborgen wurde der Leichenbrand einer etwa 42-jährigen Frau nebst einem Balsamarium, dazu Reste einer Griffschale und eines hölzernen Kästchens mit Metallbeschlägen.[5]

Mittelalter

Der Neuwerker oder Paulshof gehörte 1135 zur Abtei der Benediktinerinnen in Neuwerk.

Der Wachtmeisterhof war von 1265 bis 1802 im Besitz des Klosters der Zisterzienserinnen in Duissern bei Duisburg. Seit einigen Generationen gehört er einer Anwohnerfamilie.[6]

Der Junkershof gehörte zunächst den Edelherren von Wevelinghoven, diese starben aber Ende des 14. Jahrhunderts aus und deren Herrschaft gelangte an die Grafen von Bentheim-Tecklenburg. Bis 1797 war der Hof in gräflichem Besitz.

20. und frühes 21. Jahrhundert

Am 27. Februar 1945 nahmen US-Soldaten des 116. Regiments der 29. US-Infanteriedivision Lützerath während der Operation Grenade ein.

Lützerath gehörte jahrhundertelang zur Gemeinde und Pfarre Immerath. Seine Postleitzahl war bis 1993 die 5141, anschließend 41812.[7]

Die größte Einwohnerzahl erreichte Lützerath 1970 mit 105 Menschen. 2010 lebten lediglich noch 50, Anfang 2021 11 Einwohner im Ort.[8]

Umsiedlung, Besetzung und Räumung

Banner mit Slogan „1,5 °C heißt: Lützerath bleibt!“

Im Zuge der Erweiterung des Tagebaus Garzweiler II durch RWE wurden die ehemaligen Bewohner des Dorfes Lützerath seit 2006 umgesiedelt und deren Grundstücke teilweise per Gerichtsbeschluss zwangsenteignet, um die darunter liegende Braunkohle fördern zu können. Gegen den geplanten Abriss des Dorfes und die entsprechende Kohleförderung mobilisierte seit 2020 ein Bündnis verschiedener Umwelt- und Klimaschutzorganisationen. Im Verlauf der Protestaktionen besetzten Aktivisten die verbliebenen Häuser mit dem Ziel den Erhalt des Dorfes zu sichern und damit den Abbau der Kohle zu verhindern. Im Januar 2023 wurde schließlich das Dorf durch einen Polizeieinsatz geräumt und anschließend zerstört. Im Kontext der Räumung kam es zu massenhaftem zivilen Ungehorsam mit Blockaden, bundesweiten Protestaktionen und teilweise gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Polizei und Aktivisten.

Baudenkmäler

Commons: Lützerath – Sammlung von Bildern
Wiktionary: Lützerath – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Fortschreibung Bevölkerungstand am 31.12.2022. (PDF) In: Internetseite der Stadt Erkelenz. Abgerufen am 12. Januar 2023.
  2. Von „Hambi“ zu „Lützi“: Konflikt um Symbol der Klimabewegung. Abgerufen am 11. Januar 2023.
  3. http://www.koeblergerhard.de/germanistischewoerterbuecher/althochdeutscheswoerterbuch/nhd-ahd.pdf
  4. Elmar Sebold (bearb.): KLUGE, Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Sprache. 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin/Boston 2011 (hier insbes. die Lemmata „lützel“ und „roden“)
  5. Alfred Schuler: Zufallsfund in der Abbaukante, in: Archäologie in Deutschland 04 | 2022, S. 60.
  6. Lea de Gregorio: Der letzte Kämpfer, in: taz, 24./25. Oktober 2020, S. 23.
  7. GOV :: Lützerath. Abgerufen am 3. November 2017.
  8. Wie viele in Lützerath noch lebten und wie sie entschädigt wurden. Website der Rheinischen Post vom 11. Januar 2023, abgerufen am 11. Januar 2023.
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